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Analyse: Für eine Zinswende ist es noch zu früh

Selten haben sich die amerikanischen und europäischen Wirtschaftszyklen, Bondmärkte und die Geldpolitik in beiden Gebieten im Tandem entwickelt wie in den letzten Monaten. Der wirtschaftliche Abschwung scheint in beiden Teilen der Welt jetzt auszulaufen. Ein neuer Aufschwung bahnt sich an, mit Konsequenzen für die Geldpolitik in den USA und Europa.

Die Zinsen, so scheint es, können angesichts der erwarteten Verbesserung der Wirtschaftsentwicklung nur noch steigen. Die amerikanische Notenbank hat aggressiv mit Zinssenkungen den Rückgang aufzuhalten versucht und jetzt, da die Talsohle erreicht scheint, ihre Geldpolitik auf "neutral" umgestellt. Übersetzt heißt dies, dass mit weiteren Zinssenkungen nicht mehr gerechnet werden kann, sondern Geld nur noch teurer wird.

Das glaubt offenbar auch eine Mehrheit der Marktteilnehmer in Europa. Nach dem Anstieg der Inflationsrate in Euro-Land kommen die Märkte offenbar zu dem Schluss, dass die Europäische Zentralbank in Frankfurt ihre Leitzinsen nicht weiter senken, sondern bestenfalls auf dem gegenwärtigen Niveau halten wird. Zumal auch die Geldmenge über ihre Zielvorgabe hinausgeschossen ist.

Diese Sicht der Dinge könnte etwas pessimistisch sein, denn im weiteren Verlauf des Jahres dürfte sich die durch Sonderfaktoren in die Höhe getriebene Geldentwertungsrate wieder zurückbilden und damit der EZB sogar noch Spielraum für weitere Leitzinssenkungen verschaffen.

Eine saisonale Verteuerung von Frischgemüse und höhere Steuern haben mit dazu beigetragen, dass die Inflationsrate im Euro-Raum im Januar bis auf 2,7 Prozent gestiegen ist. Einmalig war auch der Effekt der Euro-Bargeldeinführung: In ihrem Schutz wurden zahlreiche Preise angehoben.

Diese Faktoren sind nicht länger wirksam, außerdem läuft der Basiseffekt des Ölpreisanstiegs aus. Entgegen der Marktskepsis dürfte die Geldentwertung wieder unter zwei Prozent sinken - das ist der Wert, der für die EZB Preisstabilität bedeutet - und sich möglicherweise sogar einem Prozent annähern. Damit könnte die Zentralbank ihre Leitzinsen aus Rücksicht auf die immer noch schwächelnde Konjunktur weiter senken, ohne ihr prioritäres Ziel, die Preisstabilität, aus den Augen zu verlieren. Amerikanische und europäische Geldpolitik drifteten dann wieder auseinander.

Die übrigen europäischen Länder gehen mit Ausnahme Dänemarks geldpolitisch eigene Wege, obwohl sie sich natürlich wirtschaftlich sowohl mit dem Euro-Raum als auch mit den USA immer enger verflechten. Dänemark ist das einzige Nicht-Euro-Land mit einer engen Koppelung an den Euro. Der dänischen Notenbank bleibt nichts anderes, als der Politik der EZB brav zu folgen.

Schweden, Norwegen und die Schweiz lassen ihre Währungen frei schwanken und können ihre Geldpolitik weitgehend unabhängig vom Euro und Dollar binnenwirtschaftlich ausrichten. Schweden hat als erstes westliches Land die Leitzinsen erhöht. Die Inflation ist zu hoch. Ein Sonderfall besonderer Art ist Norwegen. Wegen des Erdöls ist es unabhängig vom westlichen Verbund. Bleibt noch ein trostloser Blick nach Japan, das überhaupt keinen Zinsspielraum mehr hat und sich verzweifelt bemüht, dem Deflationsstrudel zu entkommen.

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