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Analyse: Für Panikmache gibt es keinen Anlass

Ein Zusammenbruch des Weltfinanzsystems ist nicht zu befürchten.

Die Tage nach der Anschlagserie in den Vereinigten Staaten sind keine Zeit für Übertreibungen. Das gilt vor allem hinsichtlich der möglichen Folgen für die Weltwirtschaft. Zwar befand sich diese schon vor den Anschlägen in einer schwierigen Phase. Nun aber vorschnell eine Weltrezession herbeizureden ist leichtsinnige Panikmache.

Sicher ist, dass die Risiken für die US-Konjunktur nach den Anschlägen gestiegen sind. Entscheidend wird sein, wie die amerikanischen Verbraucher auf die Terrorattacken reagieren, ob die Sorge über die Verletzlichkeit der größten Wirtschaftsmacht der Welt die Menschen verängstigt und sie von Käufen abhält. Dann bräche die derzeitige Stütze der US-Wirtschaft in sich zusammen, der erwartete Aufschwung würde sich verzögern. Davon wären auch Europa und Japan betroffen, indirekt über einen schwachen Export, direkt über abnehmenden Optimismus.

Dieses schlimmste aller möglichen Szenarien kann nicht vollständig ausgeschlossen werden. Das zeigt ein historischer Vergleich, so unvollkommen dieser auch sein muss. Nach dem Angriff des Iraks auf Kuweit im August 1990 brach das Verbrauchervertrauen in den USA auf der Stelle kräftig ein. Selbst im Euro-Raum ging der Optimismus der Konsumenten damals spürbar zurück. Nach Beginn des Befreiungskriegs durch den Westen sackten die Werte weiter ab. Und nach Ende der Kampfhandlungen dauerte es Monate, bis die US-Verbraucher wieder zu altem Optimismus fanden. Einher ging dies mit der vorerst letzten Rezession der US-Wirtschaft. Ähnliches ist auch heute nicht ausgeschlossen; der psychische Schock der Anschläge auf die Amerikaner ist dürfte noch stärker sein als beim Golfkrieg.

Voreiliger Pessimismus ist dennoch fehl am Platze. Die Geldpolitiker in den USA und im Euro-Raum haben in direkter Reaktion auf die Anschläge richtig gehandelt und werden, falls nötig, weitere Liquidität bereitstellen. Damit ist ein Zusammenbruch des Weltfinanzsystems so gut wie ausgeschlossen. Auch werden gerade in den USA weitere Zinssenkungen folgen, sollte die Konjunktur einbrechen.

Schwieriger ist die Situation für die allgemeine Wirtschaftspolitik. Noch ist unklar, ob Verunsicherung die Ölpreise steigen lässt und ob das Versprechen der Opec hält, einen starken Anstieg zu verhindern. Das würde die US- Wirtschaft, vor allem aber Europa massiv belasten. Auf der positiven Seite steht, dass die US-Administration angesichts der guten Haushaltslage im Notfall alle Möglichkeiten hätte, durch weitere Steuersenkungen rezessiven Tendenzen vorzubeugen oder sie zu dämpfen. Wahrscheinlich ist auch, dass Washington mehr Geld in den Verteidigungsbereich pumpen wird, was die Konjunktur stützen würde. Im Euro-Raum gibt es diesen finanzpolitischen Spielraum nicht. Vorstellbar ist hier allein, ohnehin geplante Steuersenkungen vorzuziehen.

Maßgeblich für die Reaktion der Wirtschaftspolitik muss aber anderes sein. Noch ist es bei weitem nicht ausgemacht, dass die Rezessionsrisiken in den USA zur konjunkturellen Wirklichkeit werden. Vertrauen zu schaffen ist vorerst oberste Regierungspflicht. Beruhigende Stellungnahmen gerade von Notenbanken im Rahmen von G7-Gipfeln könnten stützend wirken. Vorschnelle wirtschaftspolitische Schritte würden hingegen eher Panik hervorrufen. Das gilt umso mehr, als im Mittelpunkt aller Konjunkturängste nun die Psychologie steht. Es geht in den USA in diesen Tagen nicht um höhere oder niedrigere Steuern, es geht um das Urvertrauen der Verbraucher in ihre Nation. Entscheidend ist deshalb, dass Washington es politisch schafft, das Gefühl einer Ohnmacht nicht aufkommen zu lassen.

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