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Analyse: Harte Bandagen

Wieder ist die Lufthansa ins Gespräch gekommen, weil eine Zeitung sich ausgesperrt fühlt. Vor rund einem Jahr hatte sich die Zeitung "Financial Times Deutschland" den Ärger der Fluggesellschaft zugezogen. Ein Artikel, in dem die Zeitung aus internen Unterlagen zitiert hatte, missfiel der Lufhansa derart, dass sie die FTD kurzerhand aus den Kabinen verbannte.

DÜSSELDORF. In einer Pressemitteilung setzte sich die Zeitung am 10. April vergangen Jahres zur Wehr. Chefredakteur Anrew Gowers erklärte: "Das Verhalten der Lufthansa ist ein nicht hinnehmbarer Eingriff in die Pressefreiheit und einem international tätigen Haus unwürdig." Tatsächlich ging es um die Publikation interner Unterlagen. Die Fluggesellschaft argumentierte, sollte sie die Zeitung an Bord verteilen, mache sie sich der Verbreitung von vertraulichen Inhalten schuldig. Nach einem Tag fanden die Zeitungen wieder zurück in die Kabinen. Über neue Auseinandersetzungen wurde nichts bekannt.

Nun ist die Lufthansa mit der "Süddeutschen Zeitung" aneinander geraten. Auf der ersten Wirtschaftsseite beklagte sich heute die Chefredaktion anonym unter der Überschrift "Lufthansa und Pressefreiheit" über den Ausschluss aus den Kabinen nach kritischer Berichterstattung über die Tarifauseinandersetzungen. Vom Bordpersonal habe die Zeitung erfahren, dass es "von oben" die Anweisung gebe, die Zeitung am Boden zu lassen. Es geht um 10 000 Expemplare, die, zwar nicht voll vergütet werden, aber zur Auflage gezählt werden. Die sind den Verlagen wichtig. Wichtiger aber ist die Pressefreiheit.

Zur Pressefreiheit gehört auch Verantwortung den Lesern gegenüber. Und in dieser Hinsicht muss sich die Chefetage im Süddeutschen Verlag kritische Fragen gefallen lassen. Denn die Fluggesellschaft versichert, die Entscheidung liege schon lange Zeit zurück. "Am 26. März wurde der Flugplan umgestellt, seit diesem Zeitpunkt sind die Änderungen wirksam", sagt Unternehmenssprecher Klaus Walther. Journalisten mögen zwar pikiert sein, wenn für den Konzernsprecher Zeitungen "ein Produkt wie Milka oder Saft" sind, in einer Hinsicht hat Walther aber in jedem Fall Recht. "Es ist nicht die Aufgabe der Lufthansa, die Auflage von Zeitungen zu subventionieren."

Warum die Aufregung? Zeitungen in Flugzeugen sind gut für das Prestige der Verlage. Sie blähen die Statistik auf, und selbst wenige Tausend Exemplare können große Bedeutung haben. Denn die größten überregionalen Tageszeitungen "Süddeutsche Zeitung" und "Frankfurter Allgemeine Zeitung" liegen in der Auflage nicht weit auseinander, das zeigt ein Blick auf die letzten verfügbaren Zahlen der neutralen IVW. Für Zeitungen, die nur wenige Abonnenten haben wie die "Financial Times Deutschland" sind Sonderverkäufe gar ein wichtiges Standbein. Da ist es kein Wunder, wenn die Tonlage schnell schrill wird. In München bei der Süddeutschen Zeitung war heute niemand mehr für eine Stellungnahme zu erreichen.

Die Lufthansa erwägt, eine Anzeige zu schalten, um ihre Sicht der Dinge zu präsentierten. Zunächst will das Unternehmen aber abwarten, wie der Verlag nach dem Feiertag reagiert.



Schreiben Sie dem Autor: j.ohlendorf@vhb.de

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