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Analyse: Internetwirtschaft kann Kapitalschock bewältigen

Nach dem Zerbersten der Börsenblase wird sich die Internetbranche durch weitere Firmenpleiten gesundschrumpfen.

Die schlechte Nachricht vorneweg: Die Kurse der allermeisten Internetaktien werden auch nach dem Ende der derzeitigen Börsenbaisse ihre Höchststände nicht wieder erreichen. Die Preise, die Anleger im letzten Jahr für diese Papiere bezahlt haben, waren aus heutiger Sicht genauso irrational hoch wie die Profiterwartungen der Unternehmen. Doch wer jetzt, da die Spekulationsblase an den Finanzmärkten geplatzt ist, das Ende der Internetbranche ausruft oder - wie in Deutschland modern - das Scheitern des elektronischen Handels vorhersagt, der redet ebenso vorschnell wie falsch daher.

Noch immer wächst das Internet weltweit rasant. Allein in den nächsten drei Jahren wird sich die Zahl der Nutzer global auf eine Milliarde Menschen verdoppeln. Gleichzeitig verlängert sich in den industrialisierten Ländern die Zeit, die Menschen beruflich oder privat im Internet verbringen.

Richtig ist dagegen, dass bis heute nur wenig Unternehmen den Nachweis erbracht haben, dass sich mit dem Internet tatsächlich Geld verdienen lässt. Doch trotz roter Zahlen in vielen Bilanzen ist der panikartige Rückzug der Anleger ebenso unverständlich wie zuvor die trunkene Euphorie. Ab 1997 flossen weltweit innerhalb von drei Jahren rund 400 Milliarden Euro an Investitionen in den Internetsektor. Zum Vergleich: In Biotech-Firmen wurde im vergleichbaren Zeitraum mit 50 Mrd. Euro achtmal weniger investiert. Die Hälfte der Internet-Anlegergelder flutete innerhalb der sechs Monate von Oktober 1999 bis März 2000 an die Börse, wo sie auf ein paar Dutzend halbwegs etablierter Unternehmen wie AOL oder Yahoo trafen, aber eben auch auf Hunderte von jungen Startups mit wenig mehr als einer guten Idee.

Zugangsanbieter wird es nur ein Dutzend geben

Die Folge war eine aberwitzige Überbewertung der Erfolg versprechenden Unternehmen sowie die Finanzierung einer Vielzahl von Firmen, die unter normalen Umständen kein Kapital erhalten hätten. Es kam, wie es kommen musste: Die Newcomer konnten die selbst gesteckten Ziele und die Erwartungen der Investoren nicht erfüllen, und die Kurse brachen ein. Seit Monaten zeigen die Anleger dem ganzen Sektor die kalte Schulter. Fehlende Anschlussfinanzierungen, ein häufig unzureichendes Liquiditätsmanagement und untaugliche Geschäftsmodelle haben bereits viele Internetunternehmen in den Konkurs gezwungen. Eine noch größere Zahl wird den Ausleseprozess der kommenden Monate nicht überleben.

Doch eine Reihe von Unternehmen wird den Weg in die Profitabilität schaffen. Und diese dürfen zu Recht auf satte Marktanteile und nachhaltige Gewinne hoffen. So wird beispielsweise im Bereich der Internet-Zugangsanbieter in Europa nicht mehr als ein Dutzend großer Anbieter vom Schlage der deutschen T-Online oder der französischen Wanadoo überleben. Deren Kundenzahl wird aber im zweistelligen Millionenbereich liegen, was bei weiter sinkenden Netzkosten auch das heute margenschwache Zugangsgeschäft profitabel werden lässt. Parallel werden die Werbeausgaben der Konsumgüterindustrie und des Handels im Internet in den nächsten Jahren steigen. Zwar wird der Prozess viel länger dauern, als manche Propheten glauben machen wollten, aber in kaum einer Chefetage großer Konzerne besteht ein Zweifel daran, dass sich das Internet neben Print, TV und Radio als ein weiteres Massenmedium etablieren wird.

Innerhalb der Unternehmen wird das Internet in immer mehr Bereichen Einzug halten. Der Ausstausch von Dokumenten per E-Mail ermöglicht es heute, Prozesse in wenigen Minuten abzuwickeln, die vor zehn Jahren noch Tage gedauert haben. Der Einkauf über elektronische Plattformen im Internet beginnt gerade erst damit, das Beschaffungswesen von Unternehmen umzukrempeln, vom Rechnungswesen und Controlling ganz zu Schweigen.

Doch genauso wenig, wie das antike Rom an einem Tag erbaut wurde, können Unternehmen nur durch den Kauf eines Softwarepakets über Nacht Millionen sparen. Erst über einen Zeitraum mehrerer Jahre werden sich die Investitionen mehr als bezahlt machen. Mögen sich die Zögerer und Zauderer im Zeichen der drohenden Rezession noch einmal selbstzufrieden zurücklehnen, auf Dauer kann sich kein Unternehmen der Internettechnologie verschließen.

Fast beschämend ist deshalb die Häme, mit der man in Deutschland angeschlagenen High-Tech-Unternehmen begegnet. Sonnten sich vor zwei Jahren noch Politiker und Repräsentanten der Wirtschaft im Glanze junger Internetunternehmen, hat man heute das Wort "New Economy" angeblich nie im Munde geführt. Zu leicht wird vergessen, dass im Hochlohnland Deutschland die Arbeitsplätze der Zukunft im Hochtechnologie-Sektor entstehen. Als ein Teil davon sind die Internetunternehmen trotz Krise für den Strukturwandel wichtiger als der mit Steuermitteln gerettete Baukonzern Philipp Holzmann oder ein hoch subventionierter Steinkohlebergbau. Das Web wird die Prozesse in den Unternehmen umkrempeln.

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