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Analyse: Keuntje ist gescheitert

HB DÜSSELDORF. Die Nachricht vom Rücktritt des T-Online-Chefs Wolfgang Keuntje kam für die meisten Analysten völlig überraschend. "Er hat die Firma zu dem geführt, was sie jetzt ist, nämlich das größte europäische Internet-Unternehmen", sagt Michael Steib von Morgan Stanley Dean Witter in London zu Handelsblatt.com.

An rein persönliche Gründe für Keuntjes Rücktritt, wie von T-Online und dem Mutterkonzern Telekom angeführt, will der Analyst nicht glauben. "Da steckt mehr dahinter." So hatte T-Online beim Börsenstart im März eine europäische Expansionsstrategie angekündigt, wollte vor allem in Spanien, Italien und Großbritannien Fuß fassen, doch in jüngster Zeit war es extrem ruhig um den größten europäischen Internet-Provider geworden. "Es gab keine Meldungen", so Steib, "im Gegensatz zu Terra Lycos, die ihren Konsolidierungsprozess fortgesetzt haben."

Hat Telekom-Chef Ron Sommer den früheren Alcatel-Geschäftsführer rausgeschmissen? "Ich würde es nicht ausschließen", meint Steib. Auch andere Analysten halten Differenzen mit Ron Sommer als den wahrscheinlichsten Grund für den Rücktritt von Keuntje. Die verbreitete Ad-hoc-Meldung enthalte keine Dankeszeile, was Morton Andersen, Internetanalyst bei der Deutschen Bank in London, als Indiz wertet. "Das ist keine gute Nachricht", sagte Andersen zur Nachrichtenagentur vwd.

Das scheint auch die Meinung des Marktes zu sein. Nach dem Rücktritt kam der ohnehin angeschlagene T-Online-Kurs gehörig ins Trudeln. Viele Analysten erwarten zudem, dass T-Online am Donnerstag eine schlechte Halbjahresbilanz vorlegen wird. "Die Zahlen dürften kaum über den Erwartungen liegen", sagt Stefan Schießer von der Frankfurter GZ-Bank zu Handelsblatt.com. Michael Steib rechnet mit einem Umsatz von 730 Mill. Euro für das erste Halbjahr - kann mit dieser Zahl aber eher wenig anfangen, weil T-Online erstmals Halbjahreszahlen vorlegt und es daher keine Vergleichszahlen gibt.

Noch lebt das Unternehmen zu 90 Prozent von den Gebühren, den die Kunden für den Internet-Zugang bezahlen. Deshalb will T-Online auch mehr Inhalte anbieten und sich international stärker ausrichten. "Das Unternehmen steht unter Druck", sagt Roland Pfänder von der BHF-Bank zu Handelsblatt.com, "und der Druck war zu groß für Keuntje."

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