Analyse
UMTS - die Cash Cow ist aufs Eis geraten

Cash Cow oder Flop? Mobiles Eldorado oder technologisches Mauerblümchendasein? An UMTS scheiden sich die Geister, sowohl die der Finanzexperten als auch die der technischen Fachleute. "Ohne UMTS-Lizenzen schneidet sich jeder Netzbetreiber von der Technologie der Zukunft ab." Das war die These der uneingeschränkten Befürworter der mobilen Dienste der dritten Generation, die nach dem Motto "Koste es, was es wolle" bereit waren, bei der Versteigerung der Lizenzen bis in schwindelnde Höhen mitzubieten.

vwd FRANKFURT. "Die Technologie wird sich nie rentieren, die finanziellen Risiken können einst solventen Telekommunikationskonzernen das Rückgrat brechen." So warnten die eher skeptischen Geister, die sich übrigens durch die Entwicklung der vergangenen Monate in ihrem Pessimismus bestärkt sehen.

Aber nun sind die Würfel ohnehin gefallen, die meisten großen "Player" der europäischen Telekommunikationsbranche, die sich in dieser Region an mehreren Auktionen beteiligt haben, weisen einen beachtlichen Schuldenstand auf. Dafür lagern sie in ihren Tresoren die "Goldenen Lizenzen", die das ganz große Geld versprechen. Ob sich beides jemals die Waage halten wird - darüber gehen die Meinungen zurzeit auseinander. Verstärkt durch die dahinschwindende Internet-Euphorie und die damit einhergehende Wiederentdeckung eher traditioneller Bewertungsmaßstäbe scheinen momentan die Kritiker die Oberhand gewonnen zu haben.

Immer wieder neue Verzögerungen bei der Einführung der neuen Technik - sowohl beim Aufbau der Netz als auch bei den Handyproduzenten und den Betreibern - werten sie als klares Indiz dafür, dass es bei diesem Poker letztlich nur einen Gewinner gab: Die Finanzminister zumindest einiger europäischer Staaten, die bei der Lizenzversteigerung stattliche Summen kassierten.

Das omnipräsente Online-Dasein

Angepriesen wird UMTS als omnipräsentes Online-Dasein. Durch den Aufbau von paketvermittelten Datennetzen werden sich die Netzbetreiber quasi in eine andere Welt katapultieren, so die Meinung von Technikern. UMTS ermöglicht die Herstellung von sogenannten Standleitungen, die in der Lage sind, ein "mobiles Paradies" zu schaffen. Mobile Videokonferenzen, Shopping-Dienste, interaktive Videospiele oder Video-on-Demand - alles über das Handy, so die Versprechungen der voraussichtlich beteiligten Telekommunikationskonzerne an die Endkonsumenten.

Carsten Kratz, Berater bei Boston Consulting, stellt jedoch den ökonomischen Nutzen in den Vordergrund: "Man kann die jetzigen Diskussionen um UMTS mit den Debatten vor einigen Jahren über die Einführung von CAD-Systemen im Maschinenbau vergleichen", zieht der Experte Parallelen. "Und kennen Sie heute noch einen einzigen ernstzunehmenden Maschinenbauer, der ohne CAD-Systeme auskommt?" folgt die provokative Frage. Den Grund sieht er einfach in dem Produktivitätsfortschritt, der mit neuen Technologien einhergeht.

Seiner Meinung nach wird auch UMTS einen solchen Sprung in der Telekommunikation bewirken - trotz der Kosten und den Risiken bei der Einführung. "Nehmen Sie als Beispiel den kostspieligen Außendienst", wird Kratz konkret. "Mit Hilfe von UMTS kann die Zentrale ihre Leute ständig mit neuen Informationspaketen versorgen, ohne dass jedes Mal eine Verbindung aufgebaut werden muss." Die neuen Kapazitäten werden seiner Meinung nach ganz neue Dienste ermöglichen, die international Standards setzen werden. Wenn es demnach zu den Grundideen von UMTS gehört, global eine andere Dimension in der Kommunikation zu ermöglichen, so war die Vergabe der UMTS-Lizenzen in Europa geradezu ein Paradebeispiel für das Gegenteil.

Läppische Eintrittsgebühr vs. Riesenkosten

Um eine Bravourleistung, die den Fortschritt bei der Integration Europas demonstrierte, hat es sich keinesfalls gehandelt. Während Großbritannien und Deutschland ihre Lizenzen in einer Auktion versteigerten, wurden die Eintrittskarten für die Mobilfunkdienste der dritten Generation in Frankreich, Italien und Spanien auf Basis eines "Beauty Contest" vergeben. Das von den Bewerbern vorgeschlagene Konzept und die Finanzkraft wurden von der staatlichen Vergabestelle geprüft, die Vergabe der Lizenz erfolgte auf dieser Basis. Die Gewinner zahlten eine geradezu läppische Eintrittsgebühr verglichen mit den Summen, die sie bei einer Auktion hätten aufbringen müssen.

Verständlich also, dass die benachteiligten Konzerne über die daraus entstehende Wettbewerbsverzerrung klagen. "Es ist nicht nachvollziehbar, dass in einzelnen Ländern die Lizenzen quasi zum Nulltarif an heimische Unternehmen vergeben werden, während in anderen Ländern extreme Summen dafür aufzuwenden sind", mokierte sich beispielsweise Ron Sommer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG, bereits vor dem Beginn der Auktion in Deutschland. Dennoch bot er in Mainz mit - bis zur Schmerzensgrenze von 16  Mrd. DM.

Die großen Unterschiede in der Vergabepraxis erklären teilweise, warum einige der europäischen Big Player nach dem Goldrausch etwas besser dastehen als ihre Wettbewerber - auch wenn sie schon vor dem teuren Aufbau der UMTS-Netze fast alle in die roten Zahlen gerutscht sind. Gemessen am Stand der Verbindlichkeiten haben British Telecommunications und die Deutsche Telekom in Europa ganz klar die Führung übernommen. Beachtliche 30 Mrd Pfund wies der britische Konzern Anfang des Jahres auf, die Deutsche Telekom ächzt derzeit unter einem Schuldenberg von rund 65 Mrd Euro.

Die spanische Telefonica steht dagegen schon etwas besser da: Mit rund 30 Mrd Euro bezifferte sie Ende September die Verbindlichkeiten. KPN bewegt sich mit 22,3 Mrd Euro in der gleichen Kategorie, während France Telecom mit Schulden von rund 65 Mrd Euro auch in der ersten Liga mitspielt. "Der Verkauf des Tafelsilbers, sprich der Immobilien, Stellenkürzungen und die Emission neuer Aktien und Anleihen sind angesichts dieses Schuldenbergs nur ein Tropfen auf den heißen Stein", kommentiert ein Analyst die derzeitige Lage.

Strategische Gedankenspiele an der Tagesordnung

Für fatal hält er es, dass sich das wirtschaftliche Klima nun auch noch eingetrübt hat. "Da schauen die Investoren genauer hin, und auch im Hinblick auf UMTS wird mit spitzem Bleistift gerechnet", so die Meinung des Fachmanns. Angesichts dieses Drucks in der Branche sind das Thema "Fressen und Gefressen werden" sowie strategische Gedankenspiele über mögliche Kooperationen und Konstellationen eine ganz normale Reaktion. Ein Beispiel sind die kürzlich an die Öffentlichkeit geratenen Gerüchte, dass France Telecom die Übernahme von Mobilcom plant.

Im Jahr 2000 hatte der französische Konzern einen Anteil von 28,5 % an Mobilcom gekauft, um auf diesem Weg als Partner für den Aufbau eines UMTS-Netzes in den deutschen Markt einzusteigen. Nun versucht der Gigant offensichtlich, den kleinen Partner zu schlucken. Nach Meinung von Ex-Regulierer Dieter Scheurle ist ein Jahr nach der Vergabe der Lizenzen deutlich geworden, dass sich einige bei dem Poker verhoben haben. Zwischenzeitlich zum Berater bei der Investmentbank Credit Suisse First Boston avanciert, prognostiziert er, dass in Deutschland nur fünf, längerfristig sogar nur vier Betreiber übrig bleiben.

Im europäischen Umfeld werden seiner Meinung nach noch weitere Anbieter das Feld räumen. In Analystenkreisen werden KPN und Swisscom als Übernahmekandidaten gehandelt. Die ganz Kleinen wie Mobilcom, die nicht mehrheitlich von einem "Big Player" gehalten werden, haben ihrer Meinung nach ohnehin keine Zukunft als eigenständige Unternehmen - trotz des Faustpfands UMTS-Lizenz. Kein Wunder also, dass der Trend zum Teilen geht. Seit der Erlaubnis seitens des Regulierers, sich die Kosten des Netzaufbaus zu teilen, sind zahlreiche Zwangsehen geschlossen worden.

So werden T-Mobile und British Telecommunications beim Aufbau zusammenarbeiten und dadurch insgesamt fünf Mrd Euro einsparen. Dennoch geht es mit dem Aufbau der Netze nicht so schnell voran wie geplant. Vor einigen Tagen meldete Siemens, sie habe ihrerseits nun sämtliche Voraussetzungen für den Aufbau der neuen Netze geschaffen. Da der Startschuss durch die Betreiber allerdings auf sich warten lässt, baut der Konzern in den Arbeitsbereichen Information und Communication erst ein Mal 400 Arbeitsplätze ab. Schuld an der Verzögerung hat nach Einschätzung von Siemens die momentan flaue wirtschaftliche Lage.

"Mindestens zehn Jahre in den Miesen"

Andere gehen da in ihrer Begründung weiter: Die Verbreitung von Mobiltelefonen nähere sich einer Sättigungsgrenze, die neue Mobilfunknetze aus dem Geschäft dränge. Diese Warnung sprach die Unternehmensberatung Forrester Research aus. Auf den Punkt gebracht bedeutet dies: Zumindest der private Nutzer verweigert den Eintritt in das neue Mobilfunkparadies. Er ist nicht bereit, für diese Herrlichkeit noch tiefer in die Tasche zu greifen.

UMTS auf des Messers Schneide? Diese Schlagzeile eines deutschen Magazins erscheint trotz der nun ins Bewusstsein dringenden Risiken, die die einst einseitig bejubelte Technik mit sich bringt, doch übertrieben. "Mindestens zehn Jahre in den Miesen"- diese Headline beschreibt die Situation der Betreiber wohl treffender. Für die Telekommunikationskonzerne sind die gezahlten Lizenzgebühren ökonomisch gesehen nun "sunk costs".

Also gibt es nur noch den Weg vorwärts - trotz wirtschaftlicher Flaute, knauserigen Konsumenten, hohen Investitionen in den Netzaufbau und Problemen um Deregulierung und Harmonisierung des europäischen Telekommunikationsrechts. Dass auf diesem langen Marsch ins UMTS-Eldorado einige auf der Strecke bleiben werden - auch das ist unbestritten. Den Konsumenten stehen dagegen in den Jahren 2002 und 2003 in Bezug auf die Telekommunikation spannende Jahre ins Haus. Und wer weiß - vielleicht kommt der Appetit ja beim Essen.

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