Analyse: Unerwartet dünner Punktsieg für Kanzler Gerhard Schröder
Zwei Kontrahenten im Scheingefecht

Gerhard Schröder hoffte auf seine - nach der Flut - zweite Wiederauferstehung, Herausforderer Edmund Stoiber drohte ein Antreten zum Himmelfahrtskommando. Doch was beide dem Millionenpublikum boten, war ein gemeinsamer Sieg. Ein Sieg der kontrollierten Bilder.

HB BERLIN. In der dritten Runde, nach 18 Minuten, da ist der Kanzler plötzlich frei. Da lösen sich zum ersten Mal beide Hände gleichzeitig vom Pult, da fährt er mit ihnen durch die Luft. Thema: Umwelt. Die Flut hat ihn unverhofft nach oben getragen, jetzt im TV-Studio B in Adlershof steigt er weiter hinauf und doziert über Umweltpolitik und Ökosteuer. Er weiß: Dort hat der Herausforderer wenig zu bieten: weder im Kompetenzteam noch in der Union.

Die Positionen von Gerhard Schröder und Edmund Stoiber zu Außenpolitik, Wirtschaft, Steuern und Arbeitsmarkt.

Wenige Minuten zuvor hatte Edmund Stoiber den kapitalen Fehler Richard Nixons wiederholt, der im TV-Duell mit John F. Kennedy voll des Lobes über seinen Kontrahenten war. Gestern lobte Stoiber Schröder: "Es muss auch in solch einem Duell möglich sein, dem Kanzler Respekt auszusprechen." Natürlich: Wieder die Flut. Fair das Lob von Stoiber, vielleicht sogar generös. Aber genüsslich lehnt sich Schröder da, fast unmerklich zurück. Er hat, nun ja, Oberwasser.

Beide agieren so verhalten, als hielten sie sich an das Drehbuch der Auguren. Die glaubten es eh schon vorher zu wissen: für Herausforderer Edmund Stoiber sei "das Duell" eine Art Antreten zum Himmelfahrtskommando, für Kanzler Gerhard Schröder die - nach der Flut - zweite Chance für eine Wiederauferstehung. Doch, verkehrte Welt: Was die beiden dem Millionen-Publikum von RTL und SAT 1 boten, war eher der gemeinsame, zu gleichen Teilen, errungene Sieg der Bilder über die Verhältnisse. Wirtschaftsdebakel? Rentenchaos? Arbeitslosenrekorde? Die üblichen Standardantworten. Hier der cool lodernde Kanzler (58), der jede Antwort wie ein Muhammed Ali austänzelte und abfederte. Dort der eher steifbeinige Defensivstoiber (60), bekanntlich keine Kampfmaschine wie Franz Joseph Strauß oder Helmut Kohl, gut ausgelastet damit, mit ruhiger Hand die Deckung oben zu lassen.

Bedächtig schraubte Stoiber Satzteil an Satzteil, so als stünde er an einer Werkbank für Wortdrechsler. Immerhin: Er hat sich nicht verletzt. Kein Unfall. Doch seine vielen Ähs, die kann er nun mal nicht vermeiden.

Im Gedächtnis der Zuschauer wird trotz des gewaltigen medialen Budenzaubers vorher und jetzt wenig haften bleiben von dem Scheingefecht. Egal was die Medienforscher herauslesen werden. In gleicher Pose hat man sie zu oft schon erlebt.

Allzu gemaßregelt ging es zu beim Polit-Ping-Pong. Das Wort "Duell" erwies sich bereits nach den ersten beiden Fragen über die schwindende Glaubwürdigkeit der Politiker als Etikettenschwindel der Quoten-Macher. Und die Journalisten von RTL und SAT 1 setzten weder den Kanzler noch seinen Herausforderer unter Begründungszwang.

Auf dem Exerzierfeld der 629 Quadratmeter großen Studios B, gab es immerhin weder triumphale Gesten noch herrische Töne. Keiner der anständig gekleideten und sauber gescheitelten Herren ging aus der Rolle. Man war Kontrahent, aber manierlich.

Offenkundig reichen 90 Sekunden Antwortzeit nicht, um argumentativ durchzuladen und den Gegner mit Wortsalven in die Enge zu treiben. Wie in einem Laborexperiment hatten die Wahlkampfstrategen für gleiche Bedingungen gesorgt, folglich blieb die spontane Attacke ausgesperrt. So blieb es beim rhetorischen Pulverdampf.

Demoskopen, Medienwissenschaftler hatten noch am Wochenende die Bedeutung des verbalen shoot-outs für die Entscheidung der Wähler nach unten geschraubt und dafür Worte wie "politainment" geprägt. Will heißen: weder brisante politische Information noch spannende Unterhaltung sei das alles. Tatsächlich: Papperlapapp!

"Alles oder Nichts?" oder "Einer wird gewinnen."? Eher schon so eine Art Politiksoap mit dazu gereichtem TV-Dinner. Auch das schmeckt aufgewärmt bekanntlich am besten: Kompetenz? Glaubwürdigkeit? Rhetorik? Wie gehabt. Auftreten? Anständig. Wäre ja noch schöner.

Gesamteindruck Schröder: Hatte definitiv den fescheren Schlips. Stoiber: Hatte seine Haare definitiv nicht gefärbt.

P.S. Guido Westerwelle wurde nicht vermisst.

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