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Analyse: Zahlenzauber der Gewerkschaften

Die Begründungskette der IG Metall in ihrem Kampf für eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit im Osten enthält ein bemerkenswertes Eingeständnis.

Die Begründungskette der IG Metall in ihrem Kampf für eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit im Osten enthält ein bemerkenswertes Eingeständnis: Selbst die Gewerkschaft unterstellt, dass eine Einführung der 35-Stunden-Woche nicht nur die individuelle Arbeitszeit senken würde - sondern auch das Gesamtvolumen an zu leistender Arbeit. Allerdings erschüttert das nicht ihren Glauben, eine Arbeitzszeitverkürzung sei gut für die Menschen und für den Aufschwung im Osten. Im Gegenteil: Sie erkennt im Schrumpfen des "Arbeitskuchens" einen Effekt, der die gebeutelten Unternehmen entlastet.

Nach simpler Arithmetik würde der Faktor Arbeit für Metallunternehmen um acht Prozent teurer, wenn man bei unverändertem Monatslohn die Wochenarbeitszeit von 38 auf 35 Stunden verkürzt. Weil aber ein Kostenschub von acht Prozent in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage sogar der IG Metall etwas kühn erscheint, unterstellt sogar sie von vornherein, dass die Hälfte des rechnerisch frei werdenden "Arbeitskuchens" wegrationalisiert wird.

Das frappierende Finale dieser Zauberei: Nicht genug damit, dass die verbleibende Mehrbelastung von vier Prozent plötzlich sonderbar moderat anmutet. Sie ist jetzt auch nur noch ein scheinbar belangloser Nebeneffekt der Annahme, dass die Unternehmen natürlich den Rest des Kuchenstücks an bis zu 15 000 neue Arbeitnehmer verteilen werden. Übrigens wäre die Belastung der Unternehmen nach dieser Logik gleich null, wenn sie fortan für dieselbe Lohnsumme wie bisher einfach acht Prozent weniger Arbeit erhalten.

Solcher Zahlenzauber ist freilich keine neue Erfindung der IG Metall. Er folgt dem alten Grundmuster deutscher Sozialpolitik: Auch sie ist bis dato geradezu darauf angelegt, ökonomische Fehlentwicklungen mit mechanischer Präzision durch immer umfangreichere Umverteilung zu beheben. Die Folgen zeigen sich durch steigende Arbeitslosigkeit und wachsende Finanznot - was die Gewerkschaften freilich nicht beirrt.

Die geplanten Kürzungen bei der Arbeitslosenunterstützung sind nach ihrer Logik schon deshalb abzulehnen, weil sie ausgerechnet den besonders konsumfreudigen Einkommensschwachen Kaufkraft entzögen. Man fragt sich, wie hoch unter dieser Voraussetzung die Arbeitslosenunterstützung sein muss, damit die Arbeitslosigkeit abgebaut werden kann - und warum die Leistungsbezieher wohl ausgerechnet deutsche Produkte kaufen sollten, wenn diese wegen hoher Sozialabgaben teurer sind als die der Konkurrenz? Müssten sich die Gewerkschaften nicht konsequenterweise über jede Kostenexplosion im Gesundheitswesen freuen? Das Beitragsgeld der Krankenkassen entfaltet seine Kaufkraft tatsächlich fast voll im Inland. Und doch - bisher hat es nicht den Anschein, als ob der Anstieg der Krankenkassenbeiträge den Arbeitsmarkt entlaste.

Der Reformagenda von Bundeskanzler Schröder ist - bei allem Zweifel im Detail - eines zugute zu halten: Sie hat die zentrale wirtschaftspolitische Richtungsfrage ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt. Vielleicht sorgt ja ein kleiner Aufschwung Anfang 2004 dafür, Schröders Agenda im öffentlichen Bewusstsein als Erfolgsrezept zu verankern. Die Metall-Arbeitgeber sollten im Streit mit der IG Metall schon deshalb hart bleiben - sonst reklamiert diese den ersehnten Aufschwung womöglich noch für sich.

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