Analyse zur US-Wahl
Wer für die Europäer am besten wäre

Barack Obama hat bei der ersten Vorwahl in Iowa einen deutlichen Sieg errungen. Zwar kann nach diesem ersten Caucus kann niemand prognostizieren, wie die US-Präsidentschaftswahl letztlich ausgehen wird. Aber Obama im Weißen Haus wäre zumindest für uns Europäer eine gute Nachricht.

Nach diesem ersten Caucus kann niemand prognostizieren, wer für die beiden Parteien ins Rennen geht – geschweige denn, ob es den Demokraten tatsächlich gelingt, am 4. November die Ära der republikanischen Dominanz zu beenden. Wir tun dennoch gut daran, diese Wahl nicht als skurriles Spektakel zu unterschätzen – denn der 44. Präsident der USA wird in der Wirtschafts-, Klima- und Außenpolitik Entscheidungen fällen, die uns Europäer direkt betreffen. Egal, ob er eine Frau, ein Schwarzer oder doch ein Evangelikaler ist.

Die Vokabeln „Europa“ und „transatlantische Beziehungen“ wird man im Wahlkampf zwar nicht finden. Keiner der Kandidaten stellt die politische Kooperation und die immer engere wirtschaftliche Verflechtung infrage. Aber die meisten Debattenthemen haben globale Wirkung. Wie wird der Nachfolger von George W. Bush mit der aufziehenden Rezession umgehen, mit dem Dollar-Verfall und dem steigenden Ölpreis? Zieht sich das Land in die protektionistische Ecke zurück, oder wählt es einen kooperativen Ansatz mit G8, Welthandelsorganisation und Internationalem Währungsfonds? Über die Sache hinaus ist das eine Stilfrage, die für die Außenpolitik ebenso gilt wie für die Finanz-, Handels- oder Klimapolitik.

Sachlich bieten die Demokraten eine klare Alternative zum aktuellen Kurs der Republikaner. Die Liberalen – wie die Linke hier fälschlich genannt wird – wollen Bushs Steuersenkungen zurücknehmen und statt der Unternehmen und Wohlhabenden die Mittelschicht entlasten. Die Krankenversicherung soll Pflicht werden, Freihandelsverträge kommen auf den Prüfstand. Die Konservativen dagegen halten in der Wirtschaftspolitik an Bushs Kurs fest, wollen die Außenpolitik aber per se konsensorientierter gestalten. Doch zeigt die Klimapolitik, der letzte große Streitpunkt zwischen Europäern und Amerikanern, dass es auf die Personen ankommt: Während sich John McCain für Emissionsgrenzen nach dem Kyoto-Modell starkmacht, will sein Parteifreund Rudy Giuliani heftigen Widerstand leisten.

Bei den Republikanern wäre von Rudy Giuliani und John McCain eine klare anti-islamistische Außenpolitik zu erwarten, von Mitt Romney eine geschmeidige marktorientierte Wirtschaftspolitik und von Mike Huckabee ein sozialkonservativer, auf Amerikas Mitte zentrierter Kurs. Die Demokraten liegen beim Klimaschutz ganz auf europäischer Linie. Ohnehin geben sie in den Sachthemen ein geschlossenes Bild ab. Aber auch hier wäre der Unterschied zwischen der ersten weiblichen Präsidentin und dem ersten Schwarzen im Weißen Haus gewaltig. Hillary Clinton lässt sich mit ihrer pragmatischen Außenpolitik und dem gemäßigt populistischen Wirtschaftsprogramm am ehesten ausrechnen.

Die USA wären mit einem derart gereiftem Clintonismus wohl in sicheren Händen. Das größte Veränderungspotenzial für Amerika und für die Welt verspricht Barack Obama. Der Afroamerikaner hat zwar in der Wirtschaft, Verwaltung und in der Außenpolitik kaum Erfahrung. Aber seine Herkunft und seine Botschaft bieten die Chance, Amerikas Verhältnis zur islamischen Welt zu heilen. Obamas Jugend und sein ungewöhnlicher parteiübergreifender Ansatz könnten dem Land die Aufbruchstimmung verleihen, die es in der aktuellen Krise so nötig hat.

Eine Aussöhnung mit dem Islam und ein Ende der inneren Spaltung Amerikas wären Meilensteine, die auch Europa zugute kämen. Sicher, Obama das Weiße Haus zu überlassen wäre ein Wagnis. Aber gerade aus der Sicht eines Europäers ein äußerst verlockendes.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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