Analyst bezeichnet Pleite von United als „Best Case Szenario“
Irak-Krieg könnte US-Airlines in die Pleite zwingen

Ein Krieg im Irak wird den krisengeschüttelten US-Fluggesellschaften einen weiteren Stoß versetzen. Die Airlines schlagen Alarm, erste rufen bereits nach weiteren Staatshilfen für den Fall eines Krieges. Experten prophezeien bereits die nächsten Pleiten.

DÜSSELDORF/NEW YORK. Die amerikanischen Fluggesellschaften können einen Krieg im Irak nicht verkraften. Das sagte Donald Carty, Chef der AMR Corp., des Mutterkonzerns der größten US-Fluggesellschaft American Airlines, vergangene Woche. Und viele Beobachter sehen das ähnlich.

Bei den US-Airlines geht es ums Überleben. "Es kommt auf die Überlebensfähigkeit an und nicht auf die Gewinne", schreibt Jamie Baker, Analyst der Investmentbank J. P. Morgan, in einer Studie. Schon jetzt steckt die Branche der schwersten Krise ihrer Geschichte: Zwei der großen sieben Anbieter - die United-Airlines-Mutter UAL Corp. und US Airways - stehen bereits unter Gläubigerschutz des Artikels 11 des US-Konkursrechts. Die Firmen der Branche machten 2002 zusammen mehr als 10 Mrd. $ Verlust.

Sollte es zu einem Krieg im Irak kommen, werden die Umsätze weiter zurückgehen, und die bereits hohen Ölpreise könnten weiter steigen. Die Industrievereinigung Air Transport Association schätzt, dass die Fluggesellschaften im Falle eines Krieges im Irak wie beim letzten Golfkrieg 20 % ihrer Umsätze bei internationalen Flügen einbüßen werden. Auch Lufthansa-Chef Jürgen Weber erwartet, dass im Falle eines Kriegs im Irak der Passagierverkehr noch einmal um 20 % einbrechen könnte.

Andrew Watterson, Analyst der Unternehmensberatung Mercer Management Consulting, ist optimistischer: "Es kann sein, dass die Umsätze nicht ganz so stark einbrechen wie beim letzten Golfkrieg, da sich die Kunden mittlerweile an schlimme Ereignisse gewöhnt haben." Nach Schätzungen von Mercer haben die Airlines allerdings schon jetzt 8 % weniger internationale Buchungen als erwartet.

Ein Krieg wird vor allem diejenigen Gesellschaften treffen, die viele internationale Strecken bedienen. Das sind in den USA vor allem die Großen wie United und American Airlines. Weniger betroffen könnten Anbieter wie Southwest und America West sein, die mehr auf Inlandsflüge spezialisiert sind. Northwest Airlines ist stark im Pazifik und daher voraussichtlich weniger betroffen.

Blair Pomeroy, Berater von Accenture, warnt jedoch: "Ein Krieg könnte fast alle Anbieter zwingen, Gläubigerschutz zu beantragen." Denn die Kapitalmärkte seien den hochverschuldeten Airlines fast verschlossen.

Die Frage ist vor allem, wie lange ein möglicher Krieg dauert und welche Form er annimmt. Sollte der Irak-Krieg in zwei bis drei Wochen über die Bühne gehen, wird es die Industrie nach Einschätzung der Experten nur kurzfristig treffen.

Austan Goolsbee, Wirtschaftsprofessor an der University of Chicago, meint, dass die Folgen eines Krieges vor allem von den Auswirkungen auf den Ölpreis abhängen: "Der Ölpreis ist viel wichtiger als die Umsatzeinbrüche." Höhere Treibstoffkosten würden den Fluggesellschaften übel zusetzen. Die Investmentbank Merrill Lynch rechnet in einer Studie vor, dass jeder Dollar Preisanstieg beim Erdöl die Treibstoffkosten der Industrie für das Jahr um 450 Mill. $ erhöht. Bisher rechnet Merrill Lynch mit Treibstoffkosten in Höhe von 12 Mrd. $ für 2003. Die Industrie sei nur gegen Preissteigerungen für ein Drittel ihres Öl-Bedarfs abgesichert. Vergangene Woche haben viele Airlines wegen der hohen Treibstoffpreise bereits einen Aufschlag von 10 $ pro Einweg-Ticket angekündigt.

"Wenn der Krieg länger dauert und sich in der Region ausbreitet, kommt es darauf an, ob dadurch die Ölpreise weiter steigen", erläutert Goolsbee. "Wenn der Krieg dagegen länger dauert, aber sich zum Beispiel auf eine Stadt beschränkt, dann wäre es für die Airlines nicht ganz so schlimm."

Im Falle eines Krieges werden die US-Airlines wohl neue Staatshilfen verlangen. Das prophezeite AMR-Chef Carty. Und bei Continental, die derzeit rund 1,5 Mrd. $ pro Tag verliert, hieß es, das Umfeld für nationale Fluggesellschaften in den USA sei noch nie derart schlimm gewesen.

Nach Ansicht des Analysten Baker sollte Washington den Fluggesellschaften im Falle eines Krieges weitere Hilfe nicht gewähren: "Rückblickend ginge es den überlebenden Airlines heute viel besser, wenn Washington nach dem 11. September Ausfälle von Fluggesellschaften zugelassen hätte." Damals hatte die US-Regierung den Fluggesellschaften Staatshilfen in Höhe von 15 Mrd. $ zugesprochen. Falsch, sagt Baker. Er würde sogar eine Pleite von United begrüßen. "Eine Schließung von United Airlines könnte das Best-Case-Szenarium für die Branche sein", schreibt er. Denn dann sei wieder Platz am Himmel. "Unserer Meinung nach würden zusätzlichen Hilfen in Kriegszeiten für die Industrie nur die Agonie verlängern. Erwarten Sie nicht, dass Southwest und Jet Blue nach Almosen fragen wird. Aber Continental wird es wahrscheinlich tun."

Quelle: Handelsblatt

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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