Analyst: "Im Vergleich zu Anleihen sind Aktien derzeit historisch billig"
Experten sehen Aktienmärkte deutlich unterbewertet

Egal welchen Maßstab man anlegt - die Aktienmärkte sind nach Aussagen von Volkswirten und Börsenexperten derzeit deutlich unterbewertet. Allerdings sei es unmöglich, schon von einer Bodenbildung zu sprechen und dem Anleger damit wieder zum Kauf von Aktien zu raten.

Reuters FRANKFURT. Die noch unklaren Folgen des Irak-Kriegs für die Weltwirtschaft und die Preisschwankungen beim Öl machten Prognosen kaum möglich und überlagerten an den Aktienmärkten aktuell auch grundsätzliche Bewertungsansätze. Ohnehin hatten zahlreiche Experten schon kurz nach Beginn des historischen Kursrutsches an den Märkten in Deutschland vor nun rund drei Jahren immer wieder vergeblich das Ende der Talfahrt beschworen.

"Im Vergleich zu Anleihen sind Aktien derzeit historisch billig", sagt Frank Bulthaupt, Volkswirt der Dresdner Bank. Dabei seien die europäischen Märkte noch stärker unterbewertet als der US-Markt. Seit den Höchstständen im Frühjahr 2000 hat der Dow-Jones rund 30 Prozent verloren, der europäische DJ Stoxx50-Index mit rund 60 Prozent deutlich mehr und der Deutsche Aktienindex (Dax) sogar 70 Prozent auf derzeit gerade noch rund 2 600 Punkte.

Wegen Irak-Krieg hohe Risikoprämie bei Aktien

Beim Vergleich der Experten von Aktien- zu Rentenmärkten wird meist die Gewinnrendite eines Aktienindexes ins Verhältnis gesetzt zur Rendite langlaufender Staatsanleihen. Weil Aktien im Vergleich als risikoreichere Papiere gelten, ist in der Regel ihre Gewinnrendite höher als die Anleiherendite. Dieser Aufschlag wird als Risikoprämie bezeichnet. "Auf Basis der Gewinnschätzungen für das laufende Jahr liegt die Dax-Aktienrendite derzeit bei 8,2 Prozent und ist damit fast doppelt so hoch wie die Rendite von zehnjährigen Staatsanleihen im Euroraum", erläutert Bulthaupt. "Dieser Renditeabstand ist enorm."

Bulthaupts Fazit zur Begründung der aktuell niedrigen Kursniveaus lautet daher: "Die Anleger verlangen derzeit eine enorm hohe Risikoprämie bei Aktien - vor allem wegen des Irak-Krieges, aber auch wegen des geschwundenen Vertrauens in den Aktienmarkt. Wegen dieser hohen Prämie sind Aktien im Vergleich zu Anleihen so preiswert." Sollte der Irak-Krieg aber nicht lange dauern, dann könnte diese Prämie laut Bulthaupt schnell sinken und die Märkte legten somit zu.

Jörg Krämer von Inveso Asset Management arbeitet mit einem ähnlichen Bewertungsmodell, das Aktien- und Anleihemarkt vergleicht. "Die europäischen Aktien sind derzeit 40 Prozent unterbewertet", urteilt er. "Selbst wenn für den Euroraum noch deutliche Revisionen bei den Unternehmensgewinnen kämen, bliebe eine Unterbewertung von 20 Prozent."

Experten raten Anlegern weiter zur Vorsicht

Oliver Rupprecht, Leiter des Research Private Banking bei der NordLB, bewertet den deutschen Markt unter anderem, indem er das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) eines Indexes mit einem mehrjährigen Durchschnitt vergleicht. "Danach kommen wir zu einem fairen Dax-Wert von 2 800 Punkten." Dem liege allerdings die Annahme zugrunde, dass die Gewinne der Börsengesellschaften im laufenden Jahr um 20 Prozent zulegten. "Im Markt sind ja auch viele Schätzungen mit einem Gewinnplus von 50 Prozent und mehr, was einem angemessenen Dax-Niveau von 3 300 Punkten entspricht."

Soll der Anleger jetzt also einsteigen? Bei dieser Frage sind die Experten sehr vorsichtig. "Der Irak-Krieg überwiegt im Augenblick alles", sagt Gertrud Traud, Leiterin der Aktienmarktstrategie bei der Bankgesellschaft Berlin. Und Roland Ziegler, Aktienstratege bei der ING BHF-Bank gibt ein warnendes Beispiel: "Vor einem Jahr stand der Dax bei 5 200 Punkten und galt als historisch niedrig bewertet."

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