Analyst: "Katastrophale Zahlen"
Arbeitslosenzahl steigt auf Fünf-Jahres-Hoch

Die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt hat sich im Januar mit einem Anstieg auf über 4,6 Millionen Arbeitslose drastisch verschlechtert. Eine Wende sei nicht vor dem zweiten Halbjahr zu erwarten, räumte der Vorstandschef der Bundesanstalt für Arbeit, Florian Gerster, bei der Bekanntgabe der Zahlen am Mittwoch in Nürnberg ein.

Reuters NÜRNBERG. Die Zahl der Arbeitslosen stieg im Januar im Vergleich zum Dezember um 398 000 auf 4,623 Millionen. Das ist der höchste Januar-Wert seit fünf Jahren. Die Marke von 4,5 Millionen Erwerbslosen war zuletzt im März 1998 überschritten worden. Die Arbeitslosenquote stieg auf 11,1 nach 10,1 Prozent im Dezember. Gerster nannte als wesentliche Gründe die ungünstige Witterung und den Kündigungstermin zum Jahresende. Auch saisonbereinigt stieg die Zahl der Arbeitslosen deutlich um 62.000. Gerster zufolge ist dies auch Ausdruck konjunktureller Schwäche und struktureller Probleme. Die Bundesanstalt räumte ein, dass die hohe Arbeitslosigkeit das Ziel gefährde, 2003 ohne einen Bundeszuschuss auszukommen. Man gebe das Ziel aber nicht auf. Die Arbeitslosigkeit stieg stärker als für die Jahreszeit üblich und lag höher als von Experten erwartet. "Es ist deutlich schlimmer gekommen als befürchtet - das sind erschütternde Zahlen", sagte Andreas Scheuerle von der DekaBank der Agentur Reuters. Peter Meister von der ING BHF-Bank sagte, die Prognose der Bundesregierung einer Arbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt 2003 von 4,2 Millionen sei Makulatur.

Das für die zweite Jahreshälte erhoffte Anziehen des Wirtschaftswachstums wird sich nach Gersters Worten auf den Arbeitsmarkt erst zum Jahresende auswirken. Es gebe diese Signale für ein Anziehen der Konjunktur, sagte Gerster. Bei mittlerem Konjunkturverlauf erwarte er im zweiten Halbjahr einen Wendepunkt bei der bereinigten Zahl der Arbeitslosigkeit. Die unbereinigte Arbeitslosigkeit werde dagegen - wie für die Jahreszeit üblich - bereits ab März zurückgehen. Er rechne von März bis Mai mit einem monatlichen Rückgang um 130.000. Ein Hochschnellen der Arbeitslosenzahl auf über fünf Millionen im Februar schloss Gerster aus. Im Monat Februar legt die Arbeitslosenzahl in der Regel nur noch leicht zu. Aussagekräftiger ist jedoch die saisonbereinigte Zahl, die die Entwicklung am Arbeitsmarkt unter Herausrechnung wiederkehrender jahreszeitlicher Einflüsse widerspiegelt. Diese Zahl stieg im Januar um 62.000 (nach revidiert 35.000 im Dezember) auf 4,274 Millionen. Von Reuters befragte Analysten hatten im Schnitt mit einer Zunahme um 29.600 gerechnet. Die bereinigte Arbeitslosenquote stieg auf 10,3 Prozent nach 10,1 Prozent im Dezember.

Analysten: Anstieg wird Konsum weiter schwächen

"Das sind katastrophale Zahlen", sagte Ralph Solveen von der Commerzbank. "Aber die Zahlen sind ganz klar die Folge der schwachen Konjunktur in Deutschland." Die saisonbereinigte Zahl werde mindestens bis Mitte des Jahres weiter steigen. Er äußerte sich zuversichtlich, dass die Zahlen den Reformdruck auf die Politik erhöhten und es Bewegung geben werde. Scheuerle sagte: "Ich fürchte, dieser Anstieg wird sich noch einmal auf den ohnehin schwachen Konsum niederschlagen. Die Menschen haben Angst um ihren Arbeitsplatz und werden weniger Geld ausgeben."

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit sei eine weitere Belastung für die ohnehin schwache Konjunktur. "Das Konjunkturrisiko nach unten ist derzeit stärker als nach oben", sagte Scheuerle.

Bundesarbeitsminister Wolfgang Clement (SPD) arbeitet derzeit an einer Neufassung der deutschen Arbeitslosenstatistik, die zu einer geringeren ausgewiesenen Arbeitslosenquote führen dürfte. Dies bestätigte eine Sprecher des Ministeriums. Die Anpassung der Statistik an EU-Standards war im rot-grünen Koalitionsvertrag vereinbart worden. Konkrete Pläne werde Clement aber erst Anfang kommenden Jahres vorlegen.

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