Analysten: Anleger können in Fernost Internetaktien vergleichsweise billig erwerben
Asiens IT-Werte mit Aufholpotenzial

Anleger, die vom IT-Boom profitieren wollen, sollten ihren Blick nach Asien zu lenken. Dort sitzen fundamental kerngesunde Unternehmen, denen die IT-Revolution handfeste Gewinne beschert – und deren Aktien im Vergleich zu ihren Gegenstücken im Westen billig zu haben sind.

HONGKONG. Seit dem Nasdaq-Crash hält sich die Euphorie für Technologie-Aktien in Grenzen. Doch die Internet-Euphorie ebbt nicht ab. Von Berlin bis Bangkok hungern Unternehmen und Verbraucher nach Servern, Modems und Computern. Anleger, die vom IT-Boom profitieren wollen, ohne sich um Burn-Rates zu sorgen, sollten einen Blick nach Asien werfen: Dort sitzen fundamental kerngesunde Unternehmen, welche die Hardware liefern für den Bau des weltweiten Datennetzes. Firmen, denen die IT-Revolution handfeste Gewinne beschert - und deren Aktien im Vergleich zu ihren Gegenstücken im Westen billig zu haben sind.



Liebling der Analysten und Fondsmanager ist derzeit Asiens Halbleiterindustrie. Sie stellt die Silikon-Plättchen her, ohne die kein Computer blinkt und kein Handtelefon piepst. Die Aktienkurse der Unternehmen glänzen derzeit weniger. Das KGV eines Chip-Produzenten wie Infineon ist rund dreimal so hoch wie das seiner asiatischen Konkurrenten, rechnen Fondsmanager vor. Doch damit soll es bald vorbei sein: "In den USA und Europa sind die Kurse von Chip-Produzenten in den vergangenen Monaten um durchschnittlich 30% gestiegen", erläutert David Wong seinen Optimismus, "in Asien nur um 1%". Der Analyst der Deutschen Bank in Hongkong sieht deshalb in Fernost Aufholpotential.



Mit Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC), United Microelectronics (UMC) und Chartered Semiconductor stellt der Kontinent die drei größten Kontrakt-Chip-Produzenten der Welt. Sie vermarkten ihre Produkte nicht unter einer eigenen Marke, sondern beliefern andere Hersteller wie Philips oder Infineon. Die Sorgen vor baldigen Überkapazitäten und vor politischen Risiken in Ländern wie Taiwan, welche die Aktien bislang belasteten, werden sich Wongs Ansicht nach bald legen. Ab Herbst werde dies den Blick frei machen für die gute Gewinnsituation von Unternehmen wie TSMC - derzeit sein Favorit.



Asiens Technologieaktien starten Aufholjagd



Auch Unternehmen, die sich auf das Testen und Verpacken von Chips spezialisiert haben wie Taiwans ASE und Siliconware prophezeit Wong gute Kurschancen. Die Hersteller der einfacheren DRAM-Speicherchips (Dynamic Random Access Memory), allen voran Samsung Electronics und Hyundai Electronics in Korea und Winbond und Promos in Taiwan, sollten von sinkenden Lagerbeständen profitieren. In den kommenden sechs Monaten dürften deshalb die Preise wieder auf die Beine kommen. Anders als manche seiner Analystenkollegen erwartet Wong in naher Zukunft auch keine sinkende PC-Nachfrage.



Auch Ray Jovanovich hört die Signale: Der Asien-Chef des französischen Fondshauses Indocam sieht die Zeit reif für einen Wiedereinstieg in Technologie-Werte. Er setzt auf die drei Schwergewichte der Chip-Branche, TSMC, UMC und Chartered. Bei DRAM-Produzenten empfielt er Winbond. Auch von Taiwans Notebook- und Fabrikanten Compal und Inventec hält er große Stücke. Robert Conlon, Chief Investment Officer bei Investec in Hongkong, fährt die gleiche Strategie: Er erwartet, dass die Kurse von Asiens Technologie-Aktien ihren Gegenstücken im Westen bald eine Aufholjagd liefern. Die Unternehmen verkleinerten den Forschungs-Vorsprung der Konkurrenz aus den USA und Europa und drängten in technisch anspruchsvollere Bereiche mit höheren Margen. Auf der Hardware-Seite setzt Conlon neben den Standardwerten UMC, TSMC und Chartered auf VIA und Realtek aus Taiwan. Dem Anlageexperten hat es auch die indische Software-Industrie angetan: Auf dem Subkontinent fänden sich Unternehmen, die so gut seien wie die Konkurrenz aus den USA wie Infosys, Visualsoft und Satyam Computerservice.



Auch Jerome Hass gerät ins Schwärmen, wenn er von indischen Software-Werten redet: Infosys sei zwar teuer, das gewaltige Wachstumspotential mache die Aktie aber interessant, meint der Manager des technologielastigen Asian Opportunities Fund bei Orbitex in London. Hass Liebling ist derzeit Silverline.



Von reinen Internetwerten raten Anlageexperten ab



Der IT-Service-Anbieter hat sich auf E-Commerce-Lösungen spezialisiert. Auch Salomon Smith Barney hat die Aktie von Indiens siebtgrößtem Exporteur von IT-Diensten auf der Kaufliste, allerdings mit dem Zusatz "Hohes Risiko" versehen. Mit einem KGV von 25 ist Silverline für Hass "extrem billig" angesichts der Tatsache, dass das Unternehmen jährlich um 90% wächst und sein Geschäft fast ausschließlich in den USA abwickelt.



Unter den drei großen Kontrakt-Chip-Produzenten favorisiert Hass Chartered Semiconductor aus Singapur. Viele Unternehmen suchten sich derzeit einen zweiten Lieferanten neben den Marktführern TSMC und UMC, unter anderem, um nicht ganz vom erdbebengefährdeten und politisch unsicheren Taiwan abzuhängen. Hass gefällt das "exzellente", amerikanische Management des Unternehmens und die Tatsache, dass Chartered stärker als TSMC und UMC an die Telekom-Industrie verkauft, wo das Wachstum derzeit besonders hoch sei.



Von reinen Internet-Werten wie Portalen raten Anlageexperten in Asien derzeit überwiegend ab. Bei Unternehmen, welche die Infrastruktur für das weltweite Netz in Asien aufbauen, sieht Hass indes Kurschancen: Zum Beispiel bei Computer and Technologies aus Hongkong, das seine Computernetze und Software vor allem im Land der Mitte verkauft. Auch Asiainfo Holdings könnte von dem riesigen Wachstumspotential Chinas profitieren. Das Unternehmen mit Sitz in Peking baut Internet-Netzwerke - unter anderem für China Telecom und China Unicom. Außerdem bietet die Aktie die Transparenz und die Liquidität eines Nasdaq-Werts.



Hass Liebling heißt jedoch e-cong: Die Hongkonger bieten Telefonkunden ein least-cost-routing auf Internetbasis an. Kunden sparen, weil sie immer mit dem billigsten Anbieter telefonieren, Telefonunternehmen, weil e-cong ihnen das Rechnungswesen abnimmt. "Das Unternehmen ging im April an den Markt und will zum Jahresende schwarze Zahlen schreiben", sagte Hass. Außerdem will es seine Idee bald in den USA vermarkten. E-cong würde damit Zeichen setzen: Innovation zählte nämlich bislang nicht zur Stärke asiatischer Technologie-Unternehmen, sondern das Kopieren westlicher Vorbilder.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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