Analysten begrüßen Strategie
Billigflieger setzen Linienanbieter unter Druck

Die großen internationalen Fluglinien befanden sich schon vor den Terroranschlägen in den USA in einer angespannten Lage und sahen sich dem Zwang zur Konsolidierung ausgesetzt. Der 11. September führte bei manchen zu existenzbedrohenden Entwicklungen, Sabena und Swissair mussten sogar aufgeben.

vwd FRANKFURT. Ganz anders die so genannten Billigflieger: Ryanair, Easyjet und ihre US-Gegenstücke Southwest Airlines und Jetblue treten seitdem zunehmend aggressiv und expansiv auf.

In Europa realisieren die großen Gesellschaften nach Ansicht von Beobachtern erst allmählich, wie gefährlich ihnen die derzeitige Situation werden kann: Etwa zehn Prozent des innereuropäischen Linienflugverkehrs werden bereits von Low-Cost-Airlines abgewickelt. Innerhalb der kommenden fünf Jahre könnte der Anteil auf 35 % klettern, prognostiziert Rick Russel, Vizepräsident für die Sparte Transport bei der PA Consulting Group.

Ausbleibende Geschäftsleute

Vor allem zwei Aspekte machen den Großen derzeit das Leben schwer: Überkapazitäten und das Ausbleiben der Geschäftsleute. Während viele Fluggesellschaften ihre oft veralteten Flotten teilweise stilllegen und so weit als möglich Neubestellungen stornierten und verschoben, nutzen die Billigflieger die Situation zum Ausbau ihrer eigenen Flotten. Der Konkurrenzkampf zwischen der Boeing Corp, Chicago, und der Airbus Industrie, Toulouse, bietet dabei eine Bühne, auf der eine zügige Ausweitung der Flotten bei niedrigen Preisen vor allen den Käufern der Maschinen zu Gute kommt.

So hat die irische Ryanair 100 Maschinen vom Typ Boeing 737-800 geordert und eine Option auf 50 weitere abgeschlossen. Derzeit operiert Ryanair mit lediglich 39 Boeing-Flugzeugen. Diese Bestellung mache Ryanair zur Fluglinie mit der jüngsten Flotte in Europa und zudem zur größten internationalen Fluglinie auf dem Kontinent, so die Ankündigung von Ryanair. Und auch easyJet-CEO Roy Webster geht mit Blick auf die Branchensituation auf Einkaufstour. Derzeit befindet sich der britische Billigflieger in Verhandlungen mit Boeing und Airbus über den Kauf von 75 Maschinen: Listenpreis rund vier Mrd $.

Und auf einmal erscheint die Konzentration auf die Tourismus-Klasse als Wettbewerbsvorteil, denn die Billigflieger waren in weit geringerem Ausmaß als die Liniengesellschaften vom Kundenrückgang betroffen. Anders als die traditionellen Fluglinien haben weder Easyjet noch Ryanair im vierten Quartal 2001 Einbußen gesehen, sondern den Expansionskurs mit hohem Marketingaufwand fortgesetzt.

Öffentlichkeitswirksame Auseinandersetzungen

Vor allem die Auseinandersetzung um den Flughafen Frankfurt-Hahn oder Hahn oder Frankfurt - je nach Diktion der Beteiligten - war dabei öffentlichkeitswirksam. Hier setzte sich die Lufthansa AG, Köln/Frankfurt, gegen Ryanair durch, die versuchte, der deutschen Konkurrenz mit Preisvergleichen und anderen Werbemaßnahmen Nadelstiche zu versetzen. Nachdem das Landgericht Köln Ryanair die Benutzung der Bezeichnung Frankfurt-Hahn endgültig untersagt hat, ändert die Kranichlinie nun ihre Strategie.

Ryanair ließ auf ein Flugzeug "Auf Wiedersehen Lufthansa" mitsamt Logo aufbringen. Anstatt sich aufzuregen, schrieb die Lufthansa einen freundlichen Brief an Ryanair und bedankte sich für kostenlose Werbung, berichtet der Spiegel am Freitag vorab. Ryanair-CEO Michael O'Leary will in Deutschland von 2003 an Inlandsflüge in Konkurrenz zur Lufthansa anbieten. In sechs Jahren werde sein Unternehmen den Wettbewerber an Größe überholt haben, kündigte O'Leary an.

Den Billiganbietern kommt dabei zu Gute, dass sich Fluglinien wie British Airways (BA) oder Alitalia von Routen zurückziehen, die auch von ihnen bedient werden. O'Leary sieht hier eine neue Entwicklung: "Wir werden heute von vielen Flughäfen hofiert, die früher nie mit uns gesprochen hätten." easyJet will so beispielsweise ihre Expansionspläne am Londoner Flughafen Gatwick vorantreiben, nachdem sich BA teilweise von dort zurückziehen will. Und auf dem Pariser Flughafen Orly beantragte easyJet 20 000 jährliche Start- und Landezeiten, die durch den Rückzug der Air Lib frei wurden.

Analysten sind positiv gestimmt

Die Luftfahrt-Analysten begrüßen die strategische Ausrichtung der Herausforderer: Merrill Lynch konstatiert Ryanair und Easyjet Potenzial und stuft die Aktien mit "Buy" ein. Unsicher sind sich die Experten allerdings darüber, ob es den Billiganbietern gelingen wird, Geschäftsreisende als Kunden zu gewinnen. Denn wichtiger als der Flugpreis sei für diese Klientel die Reisezeit.

Und die verlängere sich etwa bei Ryanair doch erheblich. Denn auch wenn sich einer aktuellen Umfrage zu Folge derzeit jeder zweite Geschäftsreisende einen Flug mit einem Biliganbieter vorstellen kann, zeigen sich die Experten skeptisch: Mit einem Konjunkturaufschwung sei auch wieder mehr Qualität und Komfort gefragt, und den böten vor allem die Großen der Branche, zumal sie auf den interessanteren Slots säßen, denen zu den Hauptgeschäftszeiten.

Doch auch wenn die Billigflieger die Etablierten erschrecken - verdrängen werden sie sie wohl nicht. Das zeigen Erfahrungen aus den USA, nach denen zwar in den günstigeren Buchungsklassen die durchschnittlichen Erträge sinken, gleichzeitig aber die Passagierzahlen steigen - und zwar für alle Anbieter. Zudem werden die Herausforderer auch langfristig keine interkontinentalen Flüge anbieten wollen.

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