Analysten beurteilen Chancen unterschiedlich
Lycos Europe hofft auf die Wende

Himmelhochjauchzend - zu Tode betrübt, dass ist bisher die Börsengeschichte von Lycos Europe. Ob sich der Kurs jemals wieder erholen kann, hängt von der weiteren Strategie ab.

DÜSSELDORF. Auf den Einstieg folgte der Absturz. Nach dem Börsengang Ende März streifte die Aktie des Internetportals Lycos Europe nur kurz den Ausgabewert von 24 Euro. Seit Mai ging es kontinuierlich bergab. Heute liegt der Kurs um mehr als 60 % unter dem Emissionspreis bei nur noch 7,50 Euro.



Analysten der Fondgesellschaft Union Investment raten Privatanlegern daher vom Kauf ab. Gleichwohl gebe es Hoffnung, dass sich der Kurs langfristig erhole, wenn das Unternehmen von der Konzentrationsbewegung auf dem Markt und der Bertelsmann-Kooperation profitieren könne.



Volles Risiko beim Börsengang



Lycos

Europe steht nicht alleine da: Nur die Hälfte der Börsendebutanten dieses Jahres rangieren über ihrem Ausgabepreis. Doch beim Börsengang hatten sich die an Lycos Europe Beteiligten - im wesentlichen die US-Mutter Lycos Inc. (47 %) und die Bertelsmann-Gruppe (43 %) - noch von der Goldgräberstimmung am Neuen Markt leiten lassen. Deshalb wurde etwa der Aktienpreis am oberen Ende der Bookbuildingspanne gesetzt. "Die wollten auf dem Höhepunkt der Welle reiten und Kasse machen", sagt Internet-Analyst Marco Pabst von UBS Warburg. Doch daraus wurde nichts: Lycos Europe geriet mit einer 33-fachen Überzeichnung als erste Internetfirma in den Strudel des einbrechenden Neuen Marktes.



Dass der Wert der Aktie viel zu hoch angesetzt war, sieht heute sogar die an der Emission beteiligte Commerzbank: "Wir hatten Lycos mit 12 Euro berechnet", erzählt der Analyst Lorntie Jung. Auch ein Bertelsmann-Sprecher räumt ein, dass man bei der Preisfestsetzung zu "aggressiv" vorgegangen sei. Von einer Platzierung im Interesse des Anlegers ist so etwas weit entfernt.



Commerzbank

-Analyst Jung hält die fundamentalen Daten von Lycos Europe dennoch für "überraschend gut". Im vergangenen Jahr steigerte das Unternehmen seinen Umsatz um 219 % von 7,7 Mill. Euro auf 24,6 Mill. Euro steigern. Auch die Anzahl derjenigen, die die Lycos-Seite in Netz besuchen, nahm zu. Doch ob das reicht, darf bezweifelt werden. Im gleichen Zeitraum wuchs jedoch Betriebsverlust von 4 Mill. Euro auf satte 47 Mill. Euro an. "Das wird sich wohl auch 2001 nicht ändern", prophezeit Internet-Analyst Pabst, "mit einem Geschäftsmodell, das stark auf Internetwerbung setzt, kann man heute nicht mehr in der Profit-Zone landen."



Nach seiner Einschätzung gibt es in fünf Jahren auf dem europäischen Markt der Internetportale nur noch drei Unternehmen, auf den nationalen Märkten bleiben nicht mehr als zwei Anbieter übrig. Um mit dabei zu sein, müsse sich Lycos Europe ähnlich wie der Konkurrent Yahoo einen starken Markennamen aufbauen. Doch das wird schwer: Im April lag Lycos in Deutschland nach Angaben der Marktforschungsgesellschaft MMXI auf Platz 4 mit einer Reichweite von knapp 30 %, in Großbritannien kamen sie auf Rang 6 und in Frankreich auf Platz 8. Der Abstand zu Yahoo hat sich in den vergangenen Monaten zwar verringert. Auf der europäischen Bühne hat Yahoo jedoch die Nase vorn. Und in Deutschland gilt es, starke Mitbewerber wie T-online mit einer Reichweite von 65 % zu schlagen.



Der Wandel der Internetportale von Anbietern für Werbefläche zu E-Commerce-Dienstleistern ist daher wichtig, sagen Beobachter. Um von E-Commerce zu profitieren will Lycos Europe Vorstand Jens Uwe Intat expandieren: "Wir befinden uns in Gesprächen mit Übernahmekandidaten". Gelingt Lycos das nicht, sieht Internet-Analyst Pabst nur eine Konsequenz: "Da bleibt nur noch der Club der 3 Euro-Werte."

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