Analysten empfehlen unbekanntere Werte mit Technologievorsprung im Umweltschutz
In Japan sind die Nebenwerte interessant

Auch weniger bekannte japanische Börsenwerte sind kaum der Griff in die Goldschatulle. Längerfristig jedoch werden die Aussichten nicht schlecht eingeschätzt. Häufig sind auf den inländischen Markt gerichtete Werte im Ausland kaum bekannt, aber durchaus keine kleinen Firmen.

TOKIO. Der japanische Aktienmarkt hat seit dem Platzen der Blase vor zwölf Jahren drei Viertel seines Wertes eingebüßt. Nach einigen auch längeren Aufwärtsbewegungen hat er immer wieder noch tiefere Abschwünge gesehen? Dennoch spricht für den langfristig orientierten Anleger, der in Einzelwerte investiert, einiges für den japanischen Markt, argumentiert so mancher Analyst in Tokio. Denn wegen der schleppenden volkswirtschaftlichen Entwicklung Japans würden die technologischen Fortschritte und die Rationalisierungen einzelner, häufig weniger bekannter Unternehmen übersehen.

"Die Internet-Blase ist geplatzt, jetzt ist ein guter Zeitpunkt, in Einzelwerte zu gehen", sagt Aktienstratege Hitoshi Ichio von Commerzbank Securities. Wer auf volkswirtschaftliches Wachstum setzt, sei in Japan an der falschen Adresse. "Aber das Technologiepotenzial einzelner Unternehmen wird derzeit ignoriert." Sein Tipp sind Firmen, die beim Umwelt-Knowhow spürbar weiter sind als andere.

Bei den Autobauern Toyota und Honda werde sich etwa mit den neuen Hybrid-Modellen (Verbrennungs- und Elektromotor) das Technologiewissen in den Aktienpreisen niederschlagen. Dem Argument, Exportwerte seien im Vergleich zu den Inlandswerten überteuert" kann Ichio deshalb auf lange Sicht nicht zustimmen.

Kurzfristig jedoch werden nach Ansicht von Aktienstrategin Kathy Matsui von Goldman Sachs vor allem die auf das inländische Geschäft konzentrierten Firmen profitieren. Sie und ihr Team legen die Annahme zu Grunde, dass das Wachstum in Japan spätestens 2003 von einem fast ausschließlichen Exportwachstum auch auf die für die japanische Wirtschaft weitaus wichtigere Binnenwirtschaft übergreift. Für diesen Fall empfehlen sie Werte wie den Teehersteller Ito En, Coca Cola West Japan, die neben Softdrinks auch ein ganzes Sortiment an Tee und Kaffee verkaufen.

Auch Chemieunternehmen wie Nissan Chemical und Shin-Etsu Chemical oder Plastikhersteller Kaneka seien profitabel. Ihre Bewertung liege unter dem historischen Durchschnitt. Anziehen dürften nach Meinung von Matsui auch die Papiere vom Bahnbetreiber East Japan Railway, von Modemacher World und von der IT-Servicefirma TIS. Die Aktien dieser Unternehmen sind an der ersten Sektion der Tokioter Börse notiert.

Die Argumentation der Analysten, die auf die weniger bekannten Inlandswerte setzen, lautet: Während die Exportwerte mit dem Ansteigen der Ausfuhren bereits deutlich teurer geworden sind, würde ein Anziehen der Konjunktur vor allem die Preise der billigeren Inlandswerte heben.

Gegen die Annahme von Goldman Sachs spricht allerdings, dass jüngste Wirtschaftsindizes für das zweite Quartal dieses Jahres eher auf ein Abschwächen der Wirtschaftsaktivitäten hindeuten.

Dennoch meint Aktienstratege Chisato Haganuma von Nomura Securities: "Ich glaube, der japanische Markt kann die Wall Street in den kommenden Monaten schlagen." Sein Tipp lautet: "Gewinner in vernachlässigten Bereichen." Wer sich in den weniger bekannten und beachteten Branchen gegen die Konkurrenten durchsetzt, ist für Haganuma einen Blick wert. "In der Branche muss es jedoch richtigen Wettbewerb geben." Vom Bausektor sollten Investoren deshalb lieber die Finger lassen, meint er.

Gesunde Unternehmen aus dem Einzelhandels- und Immobiliensektor, die die Restrukturierung bereits hinter sich haben, hätten jedoch gute Chancen. "Ich denke, unbekanntere Werte haben langfristig immer noch einen relativen Vorteil", sagte der Nomura-Stratege. Der Vorteil sei aber angesichts gesunkener Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) der bekannten Namen seiner Meinung nach nicht mehr so groß, wie noch vor zwei Jahren. Und zum Teil stimmen die Vorurteile der billigen Inlandswerte nicht. Toyota etwa kommt derzeit auf einen KGV von 22 - und ist damit günstiger als etwa Teehersteller Ito En mit gut 28. Die Abgrenzung der günstigen Unbekannten mit höherem Kurspotenzial ist also schwierig.

Haganuma meint ohnehin, dass die Unterscheidung in Export- und Inlandswerte häufig nicht mehr funktioniere. "Einige Lebensmittel- oder Baufirmen gehörten schon zu mehr als 30 Prozent ausländischen Investoren." Auch unabhängig vom Geschäft im Inland hänge ihr Aktienkurs damit stark von globalen Entwicklungen ab. Derzeit etwa ziehen ausländische Großinvestoren im Zuge der Verluste zu Hause auch Kapital aus Japan ab - und somit auch aus den Inlandswerten.

Ichio plädiert für einen Anlagezeitraum von mehreren Jahren. Bis 2005 etwa erwartet er deutliche Kursgewinne von Unternehmen, die jetzt in Umwelttechnologie investieren. Der Stratege empfiehlt etwa die Handelsfirma Mitsubishi Shoji, die mit den Techniken des CO2-Handels weit fortgeschritten sei. Der Handel mit den Ausstoßrechten könne sich auch einmal als großer Bonus in den Bilanzen von Japans größtem Papierhersteller Oji Seiji niederschlagen, der seit Jahrzehnten Baumbestände im Ausland aufbaut. Gleiches gelte für den im Ausland unbekannten Sperrholzverarbeiter Juken Sangyo.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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