Analysten erwarten steigende Kurse und empfehlen Aktienkäufe
Brasiliens Börse plant neues Segment

Trotz der Krise im Nachbarland Argentinien ist die Stimmung gut auf Brasiliens Finanzmärkten. Sorgen bereitet der brasilianischen Börse Bovespa nur, dass die Unternehmen zunehmend in den USA ihre Aktien platzieren. Berater empfehlen die Einrichtung eines Neuen Marktes nach deutschem Vorbild.

SAO PAOLO. In Mexiko ist die Euphorie nach dem Wahlsieg des Oppositionskandidaten Vicente Fox etwas abgeklungen - für die brasilianische Börse erwarten Analysten ein gutes zweites Quartal.

Die Investment-Bank Morgan Stanley etwa empfiehlt in ihrem neuesten Emerging-Market-Bericht, brasilianische Aktien überzugewichten. Sie rät, 40 % der lateinamerikanischen Investitionen in Brasilien zu konzentrieren und bevorzugt damit das Amazonasland noch vor Mexiko. Zu den Titeln, die nach Ansicht von Morgan Stanley in den nächsten 90 Tagen potenziell am stärksten (15-20 %) zulegen werden, gehören unter anderem die Banken Unibanco und Bradesco, die Telekom-Unternehmen Telemar, Brasil Telecom und Embratel sowie die Brauerei Brahma.

Auch sonst ist die Stimmung an Brasiliens Finanzplätzen gut: Weil das Brasilienrisiko gesunken ist, sind Telekom - und Infrastrukturunternehmen zuversichtlich, dass sie in den nächsten Tagen Anleihen von 1,3 Mrd. $ absetzen können. Der breit gestreute Verkauf von Petrobrás-Aktien an 350 000 brasilianische Kleinanleger wurde erfolgreich abgeschlossen. Das Leistungsbilanzdefizit lag im Juli so niedrig wie seit fünf Jahren nicht mehr.

Dennoch stagniert der Index der brasilianischen Börse Bovespa seit fast zwei Monaten unter der Hürde von 18 000 Punkten. Starke Tagesschwankungen und niedrige Volumina bestimmten im August das Geschehen. Die Investoren hielten sich zurück, weil das Land weiterhin verletzlich bleibt. Deutlich wurde das erst vor kurzem, als sich die Stimmung im Nachbarland Argentinien verdüsterte. Erstmals musste die argentinische Zentralbank eine geplante Anleihe wegen des gestiegenen Risikos verschieben. Es schien nicht sicher, ob die Märkte den Bond annehmen würden. Weil sich abzeichnet, dass Argentinien im dritten Quartal seine Haushaltsziele nicht einhalten kann, blicken die brasilianischen Ökonomen etwas nervös auf das Nachbarland.

Geringes Interesse von Internet-Unternehmen

Am Amazonas sorgt man sich, dass auch die Kapitalkosten Brasiliens steigen könnten und die Zentralbank dann gezwungen wäre, die Zinsen zu erhöhen. "Kurzfristig könnte eine verschärfte argentinische Krise auch in Brasilien für Nervosität sorgen", sagt Leonardo Leiderman, Chefökonom der Deutschen Bank für Lateinamerika, "das würde aber bald durch die soliden Fundamente Brasiliens kompensiert." In der vergangenen Woche entschied das oberste geldpolitische Gremium Brasiliens, die Zinsen bei 16,5 % (nominal) zu halten und bis Ende September nicht weiter zu senken. Grund ist die Krise in Argentinien, aber auch die hohen Ölpreise und die im Juli überraschend stark angestiegene Inflation.

Doch statt an der Bovespa lancieren brasilianische Unternehmen ihre Aktien zunehmend in den USA. Die Börse hat die Initiative ergriffen und versucht, mit Hilfe von Beratern Abhilfe zu schaffen. Denn obwohl acht brasilianische Internet-Unternehmen ihren Börsengang in den USA verschoben haben, sind sie an der brasilianischen Börse nicht interessiert. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie zum Teil schon seit mehr als einem halben Jahr auf eine Kapitalzufuhr über die Börse warten.

Probleme mit den staatlichen Vorgaben

Ein Handelsplatz nach Vorbild des Neuen Marktes in Deutschland könnte - so die Vorschläge der Berater - den brasilianischen Kapitalmarkt für mehr Unternehmen attraktiv machen. Um das komplizierte brasilianische Gesellschaftsrecht zu umgehen, müssten die Unternehmen mit der neuen Börse Verträge abschließen. Bei Streitigkeiten sollte ein Schiedsgericht und nicht die Justiz schlichten. Da der brasilianische Aktienmarkt bereits jetzt zu klein sei, empfehle sich, den brasilianischen "Neuen Markt" als ein Segment innerhalb der bestehenden Bovespa in São Paulo einzurichten. Die Initiative zeigt die angespannte Lage der südamerikanischen Schlüsselbörse: Eine Gesetzesvorlage zum neuen Minderheitenschutz, die für breiteres Investoreninteresse sorgen könnte, steckt im Kongress fest. Dies gilt auch für die Steuerreform, welche die Börse entlasten soll, damit sie endlich ihre unattraktiv hohen Kosten senken kann.

Für José Alexandre Scheinkman ist daher der Abstieg der brasilianischen Börse programmiert: "Die Bovespa wird sich zu einem Zugangsmarkt für mittlere Unternehmen entwickeln. Die größeren Gesellschaften müssen in den USA oder Europa gelistet sein, um Zugang zu Kapital zu haben."

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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