Analysten glauben (noch) nicht an den Bestand der Börsenrally
Der Aufschwung scheint ganz nah

Es ist Krieg. Aus der Ungewissheit ist Gewissheit geworden. Die Finanzmärkte haben bekommen, was sie wollten: Fakten. In den vergangenen Tagen sind die Aktienkurse deshalb in die Höhe geschossen; der Dollar hat zugelegt; die Preise für Anleihen sind gefallen - und die Renditen gestiegen; der Goldpreis ging in den Keller.

NEW YORK. So viel zum schnellen Geld. Die große Frage ist nun: Werden sich die Aktienmärkte dauerhaft erholen? Oder wird der Aufschwung durch einen langen Krieg, durch politische Wirren oder eine schwache Weltwirtschaft im Keim erstickt?

Angesichts der möglicherweise verheerenden Auswirkungen des Kriegs ist jetzt eigentlich nicht die richtige Zeit, um ans Geldverdienen zu denken. Und doch: Viele Anleger rufen in diesen Tagen ihre Vermögensberater an und wollen wissen, wie sie sicher durch die Turbulenzen kommen.

"Glauben sie nie, niemals daran, dass ein Krieg problemlos und einfach geführt werden kann. Wer auf eine solche gefährliche Reise geht, weiß nie, auf welche Gefahren er stößt", warnte bereits Winston Churchill. Die Investoren scheinen die Ratschläge des früheren britischen Premierministers zu ignorieren.

Seit dem 12. März sind die Aktienkurse in Europa kräftig geklettert. In Deutschland und Frankreich legten die Märkte sogar um rund 20 % zu. Auch in den USA ging es nach oben, wenn auch nicht ganz so stark. Viele Analysten sind freilich noch nicht davon überzeugt, dass dies der Beginn einer dauerhaften Hausse ist. Die jüngste Rally sei "nicht von langer Dauer", fürchtet David F. Cooley, Portfolio-Manager bei J.&W. Seligman & Co in New York. "Wenn die Sache im Irak vorbei ist, folgen dann der Iran oder Nord-Korea?" Er rät insbesondere davon ab, Aktien von Autoherstellern oder von Luxusgüter-Produzenten zu kaufen. Vor allem die Amerikaner seien schon so hoch verschuldet, dass ihnen in der derzeitigen Situation schnell die Lust an neuen Krediten für teure Anschaffungen vergehen könnte.

Stattdessen empfiehlt Cooley Aktien von Industrie-Firmen, die ihre Schuldenlast kräftig eingedämmt haben. Dazu zählt er den österreichischen Karton-Hersteller Mayr Melnhof, - die niederländisch-britische Royal Dutch Petroleum, die schwedische Telefonfirma Tele 2 und den Schweizer Rückversicherer Converium Holding.

Auch Uri D. Landesman, Portfoliomanager bei Federated Investors in New York, bezweifelt, dass die Rally an den Aktienmärkten langfristig anhält. Nur wenn die Unternehmensgewinne stiegen, würde der Aufschwung weiter gehen. "Das Problem ist nicht der Krieg", sagt Landesman. "Wir brauchen steigende Gewinne. Und institutionelle Anleger wollen mehr Wirtschaftswachstum sehen, ehe sie wieder investieren."

Die Analysten von Lehman Brothers haben eine differenziertere Betrachtungsweise gewählt. Die Experten der Bank trafen eine so genannte "Kriegs-Auswahl" von 90 Aktien. Diese Papiere schnitten in den ersten zwei Januar-Wochen schlechter ab als der MSCI Europe Index. Die Märkte gingen in dieser Zeit stark nach oben. In den vergangenen zwei Wochen waren die Titel aber besser als der Index. Die "Friedens-Auswahl" dagegen zählt 34 Aktien, die sich genau umgekehrt verhalten haben. In der "Kriegs-Auswahl" sind Konsum- güter-Produzenten, Pharmafirmen, Biotech-Unternehmen und der Energie-Sektor übergewichtet. Diese Firmen profitieren, wenn der Dollar schwächelt und Öl- sowie Rohstoffpreise klettern.

In der "Friedens-Auswahl" sind dagegen Telekom-Unternehmen, Banken, Technologie-Hardware-Firmen und Versicherungsaktien übergewichtet. Diese Unternehmen profitieren von einem steigenden Dollar und fallenden Ölpreisen. "Wenn die Wahrscheinlichkeit für ein schnelles Kriegsende steigt, sollte die ?Friedens-Auswahl? sich besser entwickeln", meint Gabriela Baez von Lehman Brothers.

Es bleibt freilich jedem Anleger selbst überlassen, ob er diesen Überlegungen folgt. "Wer zögert und halbherzig vorgeht, verliert im Krieg", schrieb Napoleon. Geld hat der Feldherr allerdings nicht verwaltet.

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