Analysten: Keine Rettung durch Notenbanken
Börsen weltweit unter Druck

Die Aktienbörsen haben weltweit ihre Talfahrt beschleunigt. In den USA fiel der richtungsweisende Dow-Jones-Index zeitweise sogar unter die psychologisch wichtige Marke von 10 000 Punkten. Die Forderungen nach koordinierten Zinssenkungen der wichtigsten Zentralbanken werden mit jedem neuen Rekordtief an den Aktienmärkten immer lauter.

HB/rtr DÜSSELDORF. Von den jüngsten Kurseinbrüchen an den Börsen geplagte Aktienhändler in aller Welt sollten Analysten zufolge jedoch nicht auf eine Rettung durch die Zentralbanken hoffen.

Die Talfahrt an den Aktienbörsen hat nun auch jene Standardwerte erfasst, die den Crash auf Raten an den Technologiebörsen bisher gut überstanden haben. Außerdem haben nun fast alle führenden Indizes wichtige Kursstützen weggerissen. Dadurch ist an den Börsen eine neue Abwärtsdynamik in Gang gesetzt worden. Die allgemeine Unsicherheit der Anleger verstärkten gestern unter anderem negative Prognosen von Goldman Sachs für die europäischen Banken.

Solange sich die Kursrutsche jedoch nicht in eine ernste Gefahr für das globale Finanz- und Wirtschaftssystem verwandeln, werden die Notenbanker nach Ansicht der Experten nicht zur Stützung der Märkte eingreifen. Außerdem müssten die Notenbanken in den USA, Japan und Europa in ihrer Geldpolitik vollkommen unterschiedliche Faktoren berücksichtigen, was koordinierte Zinssenkungen zusätzlich erschwere.

"So lange sich nicht ein Risiko für das System anbahnt, sehe ich derzeit keinen Anlass für ein deutliches Zeichen durch die Zentralbanken der Welt", sagt Dana Johnson, Chef der Research-Abteilung bei Banc One Capital Markets und ehemaliger Volkswirt bei der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Bisher seien die Kursrutsche an den Aktienmärkten aber der "geordnetste Markttumult", den er jemals gesehen habe. Daher seien die jüngsten Kursverluste nicht mit dem Crash von 1987 oder der drohenden weltweiten Finanzkrise Ende 1998 zu vergleichen. Nach Ansicht vieler Analysten sind die Kurseinbrüche rund um den Globus nicht Vorzeichen einer großen Rezession. Vielmehr signalisierten sie eine Rückkehr zu vernünftigen Preisen nach den übertriebenen Kursgewinnen vor allem im Technologiesektor bis Anfang 2000.

Obwohl die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der US-Konjunktur und negative Unternehmensnachrichten am Mittwoch Börsen in aller Welt zum Teil auf neue Tiefststände einbrechen ließen, sehen auch andere Analysten in den Kursverlusten keine Gefahr, die die Währungshüter zum Handeln veranlassen würde. Fed-Chef Alan Greenspan zerstörte zudem Ende Februar die Hoffnung der Aktienhändler, die Fed würde wie bereits im Januar erneut die Märkte mit einer plötzlichen Zinssenkung überraschen. "Die Fed hat uns klar gesagt, dass sie den Aktienmarkt nicht retten wird. Sie retteten (den Fonds) Long Term Capital Management weil er das System bedrohte. Aber sie retten nicht Mama und Papa, weil sie keine Gefahr für das System darstellen", sagt Richard Gilhooly, Chef der Strategieabteilung bei BNP Paribas in New York.

Ende 1998 hatten die Notenbanken in den USA und Europa die Zinsen überraschend und deutlich gesenkt, um einer weltweit drohenden Finanzkrise zu begegnen. Mit diesem Schritt wollten die Währungshüter nach Einschätzung der Analysten zudem den Investoren wieder neue Hoffnung geben. Diese geldpolitischen Entscheidungen folgten jedoch auf eine Zahlungsunfähigkeit Russlands und den Beinahe-Bankrott des riesigen spekulativen Fonds Long Term Capital Management (LTCM).

Die vollkommen unterschiedlichen Rahmenbedingungen in Europa, Japan und den USA sind nach Ansicht der Experten ein weiteres Argument gegen koordinierte Zinssenkungen. "Die Fed wird die Zinsen nächsten Dienstag senken, Japan kann nicht senken, weil es nichts mehr zu senken gibt, und in Europa haben sie ihren eigenen Rhythmus", sagt Johnson. Bundesbankpräsident Ernst Welteke hatte am Montag erneut betont, dass die EZB mit Zinssenkungen zunächst abwarten sollte. In Japan gibt es für eine geldpolitische Straffung sehr wenig Spielraum, nachdem die Bank von Japan im Februar ihren Schlüsselzins Ende Februar auf 0,15 Prozent gesenkt hatte. Bei dem Treffen des für Geldpolitik zuständigen Offenmarktausschusses der Fed (FOMC) am 20. März erwarten die Analysten überwiegend eine Zinssenkung um 50 Basispunkte.

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