Analysten mahnen zur Geduld
Chinas WTO-Beitritt weckt Anleger-Phantasie

Für China bricht eine neue Epoche an: Mit dem formalen Eintritt in die Welthandelsorganisation WTO nächste Woche öffnet das bevölkerungsreichste Land der Erde seine Türen für die Weltwirtschaft.

HONGKONG. Damit erhält die Volksrepublik Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten und sichert seinen Waren besseren Zugang zu den Weltmärkten. Anleger könnten von rosigeren Gewinnaussichten chinesischer Unternehmen profitieren. Doch sie brauchen Geduld: Bis die Auswirkungen des Beitritts voll spürbar werden, dürfte noch einige Zeit ins Land gehen.

Der Wegfall von Quoten, die drastische Senkung von Importzöllen und die Öffnung der Binnenwirtschaft für den internationalen Wettbewerb wird dem Wirtschaftsboom in der Volksrepublik neuen Schwung verleihen, sind sich Analysten einig. Als größter Gewinner gilt Chinas arbeitsintensive Leichtindustrie, auf deren Rücken sich das Land in den vergangenen Jahren zur verlängerten Werkbank der Welt hochgeackert hat: Bei Spielzeug, Plastikwaren, Geschirr, Schuhen und Unterhaltungselektronik dominiert das Label "Made in China" bereits heute Warenregale rund um den Globus. Die Kehrseite des Beitritts sind dramatische Verwerfungen in bislang vom Wettbewerb geschützten Industriezweigen, die von maroden Staatskonzernen dominiert werden. Für Schwerindustrie, Landwirtschaft, aber auch für die durch die Last fauler Kredite faktisch bankrotten Banken brechen harte Zeiten an. Um die anstehenden Verwerfungen in der Wirtschaft abzufedern, erwarten Analysten für das kommende Jahr von der Regierung eine lockerere Geldpolitik und massive Konjunkturprogramme. Außerdem dürfte der Wirtschaftsboom mehr Geld in die Taschen der Mittelschicht spülen. Das wiederum würde den Konsum fördern und der Liquidität an den lokalen Börsen zugute kommen.

Alle Zeichen deuten auf bessere Stimmung an den Börsen hin", meint deshalb Lawrence Ang, Chef der China-Research bei der Deutschen Bank in Hongkong. Er gewichtet Aktien aus der Volksrepublik über und erwartet, dass der WTO-Eintritt in den kommenden Monaten ein Investment-Thema bleibt. Als größte Nutznießer sieht er die Branchen Energie, Transport, Infrastruktur und Häfen; außerdem Textil- und Schuh-Exporteure sowie die Hersteller von Haushaltswaren, Medikamenten und Autos.

Diese Einschätzung schlägt sich in seiner Kaufliste nieder: Dort finden sich zum Beispiel der Pekinger Flughafenbetreiber Beijing Capital Airport, der von höherem Flugverkehr profitieren dürfte; die Versorger Beijing Datang Power und Huaneng Power sowie der Kohleproduzent Yangzou Coal und der Ölwert Petrochina dürfen auf den steigenden Energiebedarf des Landes hoffen; der Autowert Denway - lokaler Hersteller des Verkaufsschlagers Honda Accord - könnte von der zunehmenden Mobilität der Chinesen profitieren; dem Schuhfabrikanten Yue Yuen Industrial und der Reederei Cosco Pacific könnten wachsende Exporte helfen.

Vor blinder China-Euphorie sollten sich Anleger allerdings hüten, und Analysten empfehlen einen langen Anlagehorizont: Die Umsetzung der WTO-Vereinbarungen werde zäh und langwierig, warnt Enzio von Pfeil, Chef des unabhängigen Hongkonger Research-Hauses Commercial Economics. Als Folge sieht er das Land zerfallen in eine "amerikanisierte", dynamische Region entlang der Ostküste, die den Wettbewerb annimmt, und einen lethargischen, protektionistischen "Rostgürtel" im Norden und Westen, der sich gegen Wandel sperrt.

Von Pfeil rät Anlegern, sich an Branchen zu halten, die von der rasanten Urbanisierung der Ostküste profitieren. Das seien vor allem Hersteller von Baumaterialien und Computern, Versorger und Telekom-Werte.

Jeannie Cheung, China-Strategin bei HSBC, hält es sogar für verfrüht, Gewinner und Verlierer des WTO-Beitritts zu benennen. Denn in vielen Branchen sei noch gar nicht klar, mit welchen Regulierungsmaßnahmen und gesetzlichen Neuregelungen die Regierung den Wettbewerb beeinflussen werde. Frühestens Mitte 2002 werde sich genau abzeichnen, wer wirklich gut für den rauen Wind des Wettbewerbs gerüstet ist. Auf Grund von langen Übergangsregelungen wird dieser auch erst in fünf Jahren richtig durch China blasen. Erst dann werde der Beitritt auch voll auf die Unternehmensgewinne durchschlagen, erwartet die HSBC-Analystin.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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