Analysten rechnen mit mehr Arbeitslosen im Juli
New Economy-Pleiten belasten Arbeitsmarkt

Die Zahl der Arbeitslosen hat nach Einschätzung von Volkswirten saisonbereinigt auch im Juli wegen der schwachen Konjunktur weiter zugenommen.

Reuters FRANKFURT. Von Reuters befragte Analysten erwarten im Schnitt einen saisonbereinigten Anstieg der Erwerbslosenzahl gegenüber dem Vormonat um 20 200 und eine zum Juni unveränderte saisonbereinigte Quote von 9,3 %. Vor allem die Entlassungen im Internet- und IT-Bereich belaste neben der anhaltend kritischen Lage im Baugewerbe den Arbeitsmarkt, sagten die Experten. Eine Trendwende sei noch nicht in Sicht. Das Ziel der Bundesregierung, bis zur Bundestagswahl im Herbst 2002 die Zahl der Arbeitslosen auf 3,5 Mill. zu senken sei kaum noch zu erreichen.

Die Bundesanstalt für Arbeit wird die Juli-Daten voraussichtlich am Dienstag um 10.00 Uhr MESZ vorlegen.

Seit Januar dieses Jahres ist die saisonbereinigte Arbeitslosigkeit hierzulande kontinuierlich gestiegen. Im Juni waren insgesamt 3,852 Mill. arbeitslos gemeldet. Selbst die unbereinigte Arbeitslosenzahl fiel nur noch um 26 000 auf 3,694 Mill. und die unbereinigte Quote sank von 9,0 auf 8,9 %. Die bereinigten Zahlen sind für die Finanzmärkte Ausschlag gebenden, da aus ihnen Schwankungen durch Witterung oder Ferienmonate statistisch herausgerechnet werden.

Kein Rückgang bis Jahresende

Weiterhin leidet der Arbeitsmarkt den Volkswirten zufolge unter der schwachen Konjunktur, die auch keinen Rückgang der Arbeitslosigkeit bis zum Jahresende erwarten lässt. Besonders die Entlassungen im Internet- und IT-Bereich machten sich nun auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar, sagte Manuela Preuschl von der Deutschen Bank Research. So hat der Technologiekonzern Siemens für dieses Jahr die Streichung von 10 000 Stellen angekündigt, weitere 5000 Arbeitsplätze stehen womöglich auf dem Spiel. Die Siemens-Tochter Infineon hat ebenfalls den Abbau von 5000 Jobs angekündigt. "Die Gretchenfrage ist nun: Glaubt man, dass der momentane Abschwung eine konjunkturelle Delle ist oder machen sich Rezessionsängste breit", sagte Bankvolkswirtin Preuschl. Davon hänge das Verhalten der Unternehmen hinsichtlich eines weiteren Arbeitsplatzabbaus ab.

Konjunktur-Prognosen wegen unsicherer US-Wirtschaftslage schwierig

Wirtschaftsforscher gehen in diesem Jahr in Deutschland nur noch von einem Wachstum von maximal 1,7 % aus. Nach Einschätzung von Preuschl bleibt die Beschäftigung aber erst ab einer Rate von zwei Prozent stabil. Konjunkturprognosen seien derzeit wegen der unsicheren Wirtschaftslage in den USA schwierig. Einerseits ließen die US-Arbeitsmarktdaten erste Anzeichen für ein Ende des Abschwungs erkennen. Andererseits sei das Konjunkturbild der Industrie in den USA wie in der Euro-Zone weiterhin düster. "Die Stimmung scheint viel schlechter als die Lage zu sein", sagte Preuschl. Bei Deutsche Bank Research sei man vorsichtig optimistisch und gehe von einer Konjunkturdelle in Deutschland aus. Trotzdem erwarte man bis zum Jahresende steigende Arbeitslosenzahlen bis auf knapp unter vier Millionen.

Sorgenkinder: Bausektor und IT-Branche

Der Einfluss der schwachen Weltkonjunktur auf die Wirtschaftslage in Deutschland belastet auch nach Auffassung von Klaus Schrüfer, Volkswirt bei der SEB, den Arbeitsmarkt. Neben dem IT-Bereich sei der Bausektor der größte Problemfall. "Hier ist die Rezession noch lange nicht vorbei", sagte Schrüfer. Von staatlichen Konjunkturspritzen wie einem Vorziehen der nächsten Stufe der Steuerreform rät der Volkswirt ab, rechnet aber auch nicht mit einem solchen Schritt der Bundesregierung. "Das ist nicht zu empfehlen, da es dann Probleme mit dem Stabilitätspakt mit der Europäischen Union geben könnte. Das würde nach außen nicht gut wirken, deshalb wird die Regierung das auch nicht tun", sagte Schrüfer. Einen Rückgang der saisonbereinigten Arbeitslosigkeit erwartet Schrüfer erst 2002, wenn die Konjunktur wieder anziehe.

Kaum noch eine Chance

Insgesamt sehen die Experten so wie das Münchener Ifo-Institut aber kaum noch die Chance, dass die Bundesregierung im Wahljahr 2002 ihr Ziel von 3,5 Millionen Arbeitslosen im Herbst erreichen kann. Nur mit einer aktiven Arbeitsmarktpolitik zum Beispiel in Form von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen könnte die Regierung die Zahl noch senken. Doch selbst dann sehen die Volkswirte die angestrebte Marke in weiter Ferne. "Wir gehen von saisonbereinigt etwa 3,788 Millionen Arbeitslosen Ende 2002 aus, da wir auch für nächstes Jahr keinen großen Wachstumsschub erwarten," sagte Preuschl. Von kurzfristigen Aktionen der Regierung halte sie wenig, notwendig seien weiterhin flexiblere Arbeitsmärkte zum langfristigen Abbau der Arbeitslosigkeit.

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