Analysten rechnen mit weiter nachgebenden Notierungen
Fallender Rohölpreis belastet Ölaktien

Nachlassende Kriegsängste haben den Rohölpreis auf 25 Dollar gedrückt. Das belastet die Kurse der Öl-Aktien. Experten loben zwar den defensiven Charakter der Papiere, vermissen aber Impulse für wieder steigende Kurse. Sie empfehlen den Blick auf die zweite Reihe, zumal Branchenprimus BP mit schwachen Zahlen enttäuschte.

DÜSSELDORF. Die Talfahrt des Ölpreises beschleunigt sich. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) Nordseeöl der Sorte Brent mit Lieferung im Dezember sank von gut 29 US-Dollar Anfang Oktober auf zuletzt knapp über 25 Dollar. Das ist ein Minus von 13 Prozent. Experten rechnen mittelfristig mit weiter nachgebenden Rohölpreisen. Das beflügelt zwar die Wirtschaft und fast alle Branchen, nicht aber die Aktienkurse der Ölgesellschaften.

"Die unmittelbare Kriegsgefahr im Irak scheint nach der Sitzung des Uno-Sicherheitsrats am Dienstag erst einmal gebannt. Das drückt den Ölpreis deutlich", sagt Thomas Amend, Analyst von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Jens Schattner, im Fondsmanagement der Deka Investment zuständig für Rohstoffwerte, sagt: "Der Markt baut nun die Kriegsprämie von rund fünf Dollar auf den fundamental gerechtfertigten Ölpreis ab."

Auch Gernot Rumpf, Portfoliomanager für Ölwerte bei Union Investment rechnet mit weiter nachgebenden Ölpreisnotierungen. "Ich rechne mit einem steigenden Angebot an Öl. Schwellenländer wie Nigeria und Venezuela werden den Ölhahn aufdrehen, um ihre Staatsfinanzen zu sanieren", so Rumpf.

Die Marktbeobachter von Petrologistics schätzen die Gesamtförderung aller Opec-Staaten (ohne Irak) im Oktober auf 24,2 Mill. Barrel Öl pro Tag. Das ist deutlich mehr als die von der Gemeinschaft Erdöl exportierender Länder beschlossene Zielfördermenge von 21,7 Mill. Barrel. Petrologistics beruft sich auf Beobachtung der weltweiten Öltransporte durch Tanker und Pipelines.

"Nach den schwachen wirtschaftlichen Frühindikatoren erwarten wir vor Ende 2003 auch keinen deutlichen Nachfrageschub für Öl", sagt Deka- Fondsmanager Schattner. Das hat Konsequenzen für die Ölwerte an den Börsen: "Ich gehe nicht davon aus, dass die Öl-Aktien in den kommenden Monaten besser laufen als der Markt. Gleichwohl arbeiten die großen Konzerne auch bei Ölpreisen zwischen 20 und 25 Dollar hochprofitabel", so Schattner. Unter den großen Ölwerten favorisiert er Total Fina Elf und Royal Dutch, rät aber von Engagements in BP ab. Erst am Dienstag hatte BP die Förderprognosen für 2002 zum dritten Mal in acht Wochen gekürzt und schwache Quartalszahlen vorgelegt. Der Gewinn fiel geringer aus als von Analysten erwartet. Die BP-Aktien stürzten daraufhin um 7,2 Prozent auf den tiefsten Stand seit September 1998 ab und rissen die Konkurrenten mit in den Keller. "Das hat den Markt geschockt, denn BP war immer der Musterschüler unter den großen Ölwerten", sagt Carsten Roemheld, Fondsmanager für Rohstoffwerte bei der Adig. Gemessen an der Marktkapitalisierung ist BP das größte europäische Unternehmen.

Roemheld rechnet damit, dass sich der Ölpreis mittelfristig in dem von der Opec vorgesehenen Preisband von 22 bis 28 Dollar bewegen wird, mahnt aber: "Ölaktien sind defensive Werte. Steigt der Gesamtmarkt wieder in der Breite an, ziehen Anleger ihr Geld aus Ölaktien ab."

"Wir fahren unsere Positionen im Ölsektor derzeit herunter und streben eine Untergewichtung an", sagt auch Union-Fondsmanager Rumpf. "Dennoch halten wir die italienische Eni und als Beimischung die russische Lukoil für interessante Engagements. Der Anteil von noch unerschlossenen Feldern ist in Russland besonders hoch", so Rumpf. Eni könnte von der Restrukturierung profitieren.

"Im Vergleich zur historischen Bewertung sind Ölaktien inzwischen günstig", sagt hingegen Pierre Martin, Portfoliomanager für Rohstofffonds bei der DWS. Er rechnet damit, dass der Ölpreis bei 25 Dollar einen Halt findet. Kanadische Ölwerte sind seiner Meinung nach besonders günstig bewertet. Er hat den kanadischen Nebenwert Talisman Energy stark übergewichtet. "Das Unternehmen startet gerade ein aggressives Aktienrückkaufprogramm und ist zudem ein Übernahmekandidat", erläutert Martin.

Auch Adig-Manager Roemheld hat mit Suncor Energy derzeit einen kanadischen Wert hoch gewichtet: "Das Unternehmen gewinnt Öl aus Ölsand und kann Umsatz und Gewinn schon seit Jahren um über 20 Prozent pro Jahr steigern."

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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