Analysten revidieren Wachstumsprognosen für Südostasien
SARS-Virus befällt die Wirtschaft

Trotz Quarantäne und geschlossener Schulen breitet sich der SARS-Virus weiter aus. Längst ist nicht mehr nur die Reisebranche betroffen, der Virus wirkt sich nun auch auf Banken, Einzelhandel und Industrie aus.

SINGAPUR/PEKING/HONGKONG. In Asien hat sich die mysteriöse Lungenentzündung SARS weiter ausgebreitet. Gestern wurden in Hongkong 60 neue Fälle diagnostiziert, so viele wie nie zuvor an einem Tag. Auch in Singapur nahm die Zahl der Infizierten trotz Quarantäne und geschlossener Schulen weiter auf 89 zu. In China ist eine Bestandsaufnahme nicht möglich, weil die Behörden sich nicht zur Epidemie äußern.

Analysten befürchten größte Schäden für Airlines, Hotellerie und Einzelhandel. "Ich habe noch nie ein so leeres Flugzeug in Asien gesehen", sagte der Emerging-Market-Stratege Christopher Wood von CLSA nach dem Flug Jakarta-Hongkong.

In Hongkong, dem Zentrum des Virus-Ausbruchs, hat die Krisenstimmung zugenommen: In sonst überquellenden Einkaufszentren, Bars und Restaurants herrscht gähnende Leere. Schulen und Universitäten sind geschlossen, immer mehr Veranstaltungen werden abgesagt. Die Zahl der Erkrankten hat sich in einer Woche verdoppelt und steht jetzt bei 530. Nach einem weiteren Todesfall gestern beklagt die Stadt nun 13 von weltweit 55 SARS-Toten. Weil eine Übertragung durch die Luft wahrscheinlich scheint, hat Hongkong über 1 000 Bürger, die engen Kontakt mit Infizierten hatten, unter Quarantäne gestellt. Dennoch erwartet die Krankenhausbehörde weiter steigende Infektionsraten.

Eine Reihe von Unternehmen hat nach Erkrankungen von Mitarbeitern Büros geschlossen, darunter HSBC, die Bank of China und Hewlett-Packard. Banken wie HSBC verlegen Personal, um im Fall eines Ausbruchs handlungsfähig zu bleiben. Die Reisebranche leidet Analysten zufolge bereits stärker unter SARS als unter dem Irak-Krieg.

In der vergangenen Woche sank die Zahl der Hongkong-Besucher um 30 %. Immer mehr Regierungen warnen vor Reisen nach Hongkong, China, und Vietnam. Buchungen auf Fernstrecken in Richtung Hongkong sind um 60 % rückläufig. Die Fluglinie Cathay Pacific war mit einem Minus von 12 % der größte Verlierer der vergangenen Börsenwoche, gefolgt von den Hotelketten Hongkong & Shanghai Hotels und Shangri Asia, -La die beide um 11 % nachgaben.

JP Morgan schätzt, dass SARS den Gewinn von Cathay jeden Tag um 1,3 Mill. $ schmälert. Auch Hongkongs Einzelhandel spürt Einbußen, und das wichtige Messegeschäft ist bedroht. ABN-Amro-Volkswirt Eddie Wong hat - wie viele Analysten - seine BIP-Prognose wegen SARS um 0,5% auf 3,5% gesenkt. Er befürchtet einen "gewaltigen" Schaden, denn die Auswirkungen seien nicht auf wenige Branchen begrenzt: "Wenn Geschäftsreisende Hongkong über längere Zeit meiden, trifft dies das Rückgrat der Wirtschaft, den Außenhandel." Breitet sich SARS im Perlflussdelta aus, wo das Gros der chinesischen Exportindustrie fertigt, hätte das unabsehbare Folgen für Chinas Ausfuhren.

Auch Singapur fürchtet eine Wachstumsdelle. "Natürlich wird die Krankheit einen negativen Effekt auf das gesamte Geschäftsleben haben", sagt P.K. Basu, Chefvolkswirt für Südostasien bei Credit Suisse First Boston in Singapur. "Ausgangspunkt dürfte der Tourismus sein." Das Forschungsinstitut IDEA global hat seine Wachstumsprognose für den Stadtstaat von 3,8 auf 3,6 % reduziert. Singapore Airlines, die profitabelste Fluggesellschaft Asiens, hat bereits 65 Routen eingestellt.

In China, wo mit 34 die meisten der bislang 55 berichteten Todesfälle bekannt wurden, hält sich die öffentliche Unruhe in Grenzen. Doch auch für das boomende Reich der Mitte sagt der JP Morgan-Volkswirt William Belchere schon bis zu 0,2 % weniger Wachstum in diesem Jahr voraus. Der wahre Schaden lässt sich nicht schätzen, weil es keine verwertbaren Zahlen gibt. In Pekings Krankenhäusern kursiert eine viel sagende interne Anweisung der Stadtregierung, die der Virus-Grippe eine "große versteckte Ansteckungsgefahr" attestiert und die ein umfassendes Kontroll- und Reportsystem verlangt. Doch in dem Text heißt es auch: "Treffen Sie scharfe interne Maßnahmen, zeigen Sie sich locker nach außen und zensieren Sie die Medien streng."

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