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Analysten sehen Bayer-Konzern vor langwierigem Rechtsstreit

Knapp zwei Wochen nach dem spektakulären Rückruf des Medikaments Lipobay herrscht weiterhin große Unsicherheit bei der Frage, wie hoch die möglichen Schadensersatz-Belastungen für die Bayer AG ausfallen.

shf/kk FRANKFURT/M. Während der Bayer-Vorstand keine große Risiken sieht, rechnen die meisten Analysten mit langwierigen juristischen Auseinandersetzungen. Dass der Fall eine ähnliche Dimension wie beim US-Konzern American Home Products erreichen könnte, gilt jedoch als unwahrscheinlich.

Bedrohliche Nebenwirkungen wie insbesondere Muskelzerfall (Rhabdomyolyse) wurden nach bisherigen Daten bei deutlich weniger als einem Tausendstel der rund sechs Millionen mit Lipobay behandelten Patienten beobachtet. Allerdings traten diese Komplikationen nach Angaben von Ärzten bei Lipobay in etwa zehn Mal häufiger auf als bei den fünf anderen Cholesterinsenkern der Konkurrenz.

Dem Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zufolge wurden weltweit bisher 1 114 Fälle von Muskelschwund (Rhabdomyolyse) im Zusammenhang mit Lipobay gemeldet. Etwa 400 Fälle traten nach Analystenangaben in den USA auf, wo dem Bayer-Konzern besonders umfangreiche Schadensersatzklagen drohen. Anwälte sprechen in dem Zusammenhang von Multi-Millionen-Klagen. Genaue Schätzungen über den Umfang der Forderungen gibt es bisher aber nicht. In seiner Klageschrift verlangt einer der Anwälte Schadensersatz in Höhe von 75 000 $ für medizinische Dienste an den betroffenen rund 700 000 Lipobay-Konsumenten in den USA.

Die Verbrauchergruppe Public Citizens verweist unteressen auf insgesamt 772 Fälle in den USA seit Oktober 1997, in denen die Muskelschwäche Rhabdomyolysis nach dem Gebrauch von Medikamenten aus der Gruppe der Statine aufgetreten ist. 72 Patienten seien daran gestorben. Nach Aussagen einer Sprecherin der US-Gesundheitsbehörde FDA sind diese Zahlen allerdings zu hoch gegriffen, da Ursache und Wirkung bisher noch nicht in allen Fällen geklärt seien. Dazu müsse ein Bluttest durchgeführt werden.

Die FDA bringt Lipobay, das in USA Baycol heißt, bisher in den Zusammenhang mit dem Tod von 31 Menschen. 12 davon hätten die höchste Dosierung des Medikaments genommen. Wieviele Baycol-Patienten an Rhabdomyolysis litten, sei noch nicht klar.

Andere Schadensersatzfälle sind mit den Problemen von Bayer nur bedingt vergleichbar. American Home Products (AHP) rechnet wegen Klagen aufgrund eines Schlankheitsmittels mit Kosten von insgesamt mehr als 12 Mrd.$. Fast 6 Millionen Amerikaner hatten versucht, mit der Medikamenten-Kombination Fen-Phen abzuspecken. Viele von ihnen litten später an Lungen- und Herzschäden. Im April waren rund 85% aller Fälle gegen American Home Products zu einem Abschluss gekommen. Neben Sammelklagen haben auch viele Einzelkläger zum Teil Entschädigungen in Millionenhöhe erhalten.

Sergio Traversa, Portfolio-Manager des Pharma- und Biotech-Fonds Merlin Biotech, glaubt jedoch nicht, dass die Summe für Bayer auch nur annähernd so hoch ausfallen werde wie für Phen-Fen. Die Lage sei anders, da die Nebenwirkungen, die zum Rückruf von Lipobay/Baycol geführt haben, bereits im Beipackzettel erwähnt seien. Zudem hinterlasse die Muskelschwäche in den meisten Fällen keine dauerhaften Schäden.

Experten der Investmentbank Lehman Brothers sehen die Belastungen daher eher in einer Größenordnung wie beim Medikament Rezulin, das Pfizer im vergangenen Jahr vom Markt nehmen musste. Der New Yorker Pharmakonzern hat für das Diabetesmittel, dem 30 Todesfälle zugerechnet werden, 136 Mill.$ zurückgestellt. Mehr als 1250 Patienten haben einzeln geklagt. Zudem gibt es Sammelklagen.

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