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Analysten sehen Börsenaufschwung skeptisch

Nach einer Vielzahl von Gewinnwarnungen in den vergangenen Monaten gab es für Aktionäre am Donnerstag nach langer Zeit wieder einmal Grund zur Freude: Nach besser als erwarteten Quartalszahlen der großen US-Technologiefirmen Microsoft, Motorola und Yahoo stiegen die Kurse weltweit.

Reuters FRANKFURT. Viele Branchenexperten mahnen allerdings zur Vorsicht und sehen noch längst keine Anzeichen für eine Trendwende bei der seit Monaten anhaltenden Talfahrt an den Aktienmärkten: "Man sollte allen heute die Freude gönnen", sagte ein Händler. "Aber so schön das ist: Maßgeblich für die Unternehmengewinne ist die Entwicklung der Wirtschaft. Und hier ändern sich die Perspektiven nicht von Heute auf Morgen."

Zudem beginne jetzt erst die Zeit der Veröffentlichung von Quartalsergebnissen aus den USA und auch Europa, und schlechte Nachrichten seien dabei nicht ausgeschlossen, hieß es. "Es kommen jetzt viele Zahlen aus den USA. Bei der nächsten negativen Überraschung wendet sich das Bild schnell wieder", sagte ein Händler. Auch könne die Finanzkrise in Argentinien die Aktienmärkte belasten.

Die US-Technologiefirmen Microsoft, Motorola und Yahoo hatten am Mittwoch nach US-Börsenschluss teils besser als von Analysten erwartete Quartalszahlen vorgelegt. Microsoft hatte mitgeteilt, der Umsatz werde wohl über den bisherigen Vorhersagen liegen. Motorola wies zwar einen Verlust aus, der aber geringer als erwartet ausfiel. Yahoo erwirtschaftete entgegen den Prognosen einen Gewinn. An den Börsen führte dies am Donnerstag zu teils deutlichen Kursanstiegen, wobei vor allem Technologietitel zulegten.

Konjunkturlage noch zu unsicher

Analysten bremsten die Euphorie allerdings: "In dieser Woche legen zum Beispiel noch Nokia und Ericsson ihre Zahlen vor. Und wenn die schlecht sind und ein negativer Ausblick kommt, kann es am Markt ganz schnell wieder nach unten gehen." Auch die Hessische Landesbank riet zur Vorsicht. Es sei noch keine nachhaltige Trendumkehr am Markt zu erwarten. "Derzeit ist die Konjunkturlage in den USA sowie Europa noch zu unsicher", sagte Aktienhändler Christian Schmidt. "Das ist eine euphorische, aber wohl leider keine nachhaltige Erholung", sagte ein anderer.

Das es am Donnerstag dennoch zu einem kräftigen Aufschwung an den Börsen weltweit kam, wurde am Markt auf charttechnische Gründe und auch auf Psychologie zurückgeführt. "Viele der Titel sind inzwischen trotz mittel- oder langfristig guter Geschäftsaussichten auf Allzeit-Tiefs gefallen. Da gibt es günstige Möglichkeiten für einen Einstieg." Zudem würden bei Anlegern jetzt nach einer langen Zeit schlechter Nachrichten gute Meldungen auf fruchtbaren Boden finden. "Die Motorola - Zahlen waren nicht deutlich anders als von den Leuten erwartet, aber der Markt sucht nach kleinen Hoffnungsschimmern, und bei Motorola gab es nichts Negatives", sagte Paul Kleiser von Henderson Global Investors.

Anleger sind positiv gestimmt

"Die Leute sind positiv gestimmt", meinte auch Peter van Kleef, Händler bei Credit Lyonnais. "Motorola und Yahoo haben die Markterwartungen übertroffen. Solange die Zahlen gut aussehen, werden Marktteilnehmer davon ausgehen, dass die US-Wirtschaft den Boden erreicht hat." "Das zeichnet zwar kein rosiges Bild für alle Unternehmen, aber es zeichnet ein freundliches Bild für einige", sagte Peter Cardillo von Westfalia Investments zu den Zahlen der US-Firmen. "Die Nachrichten werden das Vertrauen von Investoren erneuern, dass sich die Wirtschaft vielleicht in einem Umschwung befindet und die Firmengewinne möglicherweise wieder steigen werden."

Mit Blick auf den Gesamtmarkt sagte Aktienhändler Schmidt von der Helaba, für eine nachhaltige Erholung sollten die Auswirkungen der jüngsten Zinssenkungen der US-Notebank abgewartet werden, die seiner Einschätzung erst Anfang 2002 sichtbar werden. Daneben müssten auch weitere Unternehmenszahlen sowie Konjunkturindikatoren einen Aufschwung signalisieren. Schmidt macht außerdem die Krisen in der Türkei und in Lateinamerika dafür verantwortlich, dass zufließendes Kapital den Euro derzeit stärke. "Ein stärkerer Euro wäre schlecht für unsere Exportwirtschaft."

Die Ungewissheit über die weitere Entwicklung der Finanzlage in Argentinien hatte nach Angaben von Händlern schon am Mittwoch Bankenwerte belastet. Die Sorgen um die Fähigkeit Argentiniens, seinem Schuldendienst weiterhin nachzukommen, seien in dieser Woche verstärkt worden, hieß es. Viele Anleger glaubten, das Land werde in Kürze zahlungsunfähig und hätten ihre Engagements auch in anderen Schwellenländern zum Teil bereits vor geraumer Zeit aufgegeben. Argentiniens Präsident Fernando de la Rua kündigte unterdessen an, die Regierung werde nur das ausgeben, was sie auch einnehme. Aus Kreisen des Internationalen Währungsfonds (IWF) hatte es zuvor geheißen, der IWF sei "sehr besorgt über die Situation". Es gebe bislang keine Überlegungen zur Vergabe neuer Kredite an Argentinien zur Bewältigung der Krise. Argentiniens Staatsverschuldung hat mit 128 Milliarden Dollar fast die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts erreicht.

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