Analysten sehen Piech unter Zeitdruck
VW: Neue Nahrung für Übernahmespekulationen

Ein Jahr vor der erwarteten Benennung eines Piech-Nachfolgers steigen die Erwartungen für eine bevorstehende Übernahme.

rtr HAMBURG. Ein Jahr vor der erwarteten Benennung eines Nachfolgers von Ferdinand Piech als Volkswagen -Chef steigen unter Analysten die Spekulationen über eine bevorstehende Übernahme. Piech hatte kürzlich an der Börse Fantasie entfacht, als er im Rahmen eines Aktienrückkaufprogramms ankündigte, die erworbenen Aktien könnten ganz oder teilweise für den Erwerb von Unternehmen oder Beteiligungen eingesetzt werden. Da der Rückkauf inzwischen abschlossen ist und VW damit über eine Akquisitionswährung im Wert von zurzeit rund 1,6 Milliarden Euro als verfügt, steigen die Erwartungen der Börsianer.

Der Erwartungsdruck nimmt auch zu, weil bereits in einem Jahr ein Nachfolger von Piech benannt werden soll, ein Jahr bevor Ende 2002 sein Vertrag als Vorstandschef ausläuft. Piech hatte kürzlich erstmals nicht ausgeschlossen, dass er schon nach der für Ende 2001 geplanten Benennung eines Nachfolgers vorzeitig ausscheiden könnte. Entschieden sei aber nichts. In Branchenkreisen gilt ein vorzeitiger Wechsel zur Hauptversammlung am 16. April 2002 unmittelbar vor Piechs 65. Geburtstag als möglich. Somit bliebe dem VW-Chef nur noch das kommende Jahr, um während seiner Amtszeit als Vorstandschef einen großen Wurf zu tätigen, bevor er in den Aufsichtsrat von VW wechselt.

Die Erwartungen eines Zukaufs konzentrieren sich dabei mehr auf den Lkw-Bereich als auf Pkw, obwohl VW vor einem Jahr auch schon mit dem japanischen Autohersteller Toyota in Zusammenhang gebracht worden war. Allein Piechs Zitat, alles sei möglich, hatte damals an der Börse für heftige Spekulationen gesorgt. Inzwischen ist es darum ruhiger geworden.

Die meisten Experten halten es nun für wahrscheinlich, dass Volkswagen seinen Anteil an dem schwedischen Lkw-Hersteller Scania erhöhen wird. VW war im März mit 18,7 Prozent bei Konkurrenten eingestiegen und hatte mit 34 Prozent der Stimmrechte zugleich die unternehmerische Führung übernommen.

Mehrere Branchenbeobachter erwarten, dass VW Anteile übernehmen wird, die Volvo noch an Scania hält. Volvo hatte ursprünglich mit Scania fusionieren wollen und sich mit gut 45 Prozent an seinem Konkurrenten beteiligt. Nachdem die Europäische Kommission diese Verschmelzung aber wegen wettbewerbsrechtlicher Bedenken untersagt hat, ist dieser Anteil blockiert und muss innerhalb von drei Jahren verkauft werden.

Im Gegensatz zu mehreren Kollegen hält Pia-Christina Schulze vom Bankhaus Merck Finck & Co diese Variante allerdings für weniger unwahrscheinlich. Sie macht geltend, dass VW die Transaktion mit eigenen Aktien bezahlen müsste und Volvo damit am eigenen Kapital beteiligen würde. Der Konkurrenten erhielte möglicherweise einen Sitz im Aufsichtsrat und damit letztlich Einblick in die Bücher von VW. Das mache keinen Sinn.

Schulze setzt vielmehr auf eine Variante, die auch von anderen Analysten nicht ausgeschlossen wird: Ein Einstieg von VW bei dem deutschen Nutzfahrzeughersteller MAN. Dabei stellte sich allerdings die Frage, was VW mit den anderen MAN-Beteiligungen unternehmen will, die von Druckmaschinen bis zum Maschinen und Anlagenbau reichen. Denkbar sei, dass VW Teile von MAN verkaufte und die Nutzfahrzeuge mit Scania zusammenlegte. So ganz billig werde die Sache aber nicht.

Andere Analysten schätzen, dass VW zurzeit fünf bis sechs Milliarden Euro bezahlen müsste, um bei Scania die Kontrolle zu übernehmen. Deshalb werde der Konzern vermutlich abwarten, bis Scania billiger zu haben wäre, sagen die Experten.

Je länger VW mit dem Zukauf jedoch warte, desto weniger wert werde die eigene Akquisitionswährung, sagte Chris Will von Lehman Brothers mit Blick auf den Aktienkurs von VW. Der hatte nach der Ankündigung des Aktienrückkaufs zunächst einen Sprung bis an die Marke von 60 Euro getan, ist seitdem aber bis auf sein derzeitiges Niveau von gut 51 Euro zurückgefallen. Die Schätzungen der Analysten für den weiteren Kursverlauf reichen von 52 bis 60 Euro. Der Aktienkurs dürfte im nächsten Jahr aber auch davon abhängen, wie stark VW in den USA abschneidet, wo am Automarkt dunkle Wolken aufziehen.

Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler sieht denn auch ein "großes Risiko" für die Autohersteller in den USA. Allerdings verdiene VW im Vergleich zu anderen Autokonzernen weniger in den USA. Selbst wenn sich der dort 2000 voraussichtlich realisierte Vorsteuergewinn von rund einer Milliarde Mark im nächsten Jahr halbieren sollte, könnte VW dies leicht durch ein besseres Ergebnis in Deutschland ausgleichen, argumentiert Pieper. Für den derzeit schwachen Automarkt in Deutschland gebe es inzwischen Anzeichen, dass sich das im nächsten Jahr ändern könnte, sagte Pieper.

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