Analysten stören sich an Bilanzpraxis
Investoren nehmen Konzerne unter die Lupe

"Enronitis", die Furcht vor Bilanzbetrügern, grassiert in Europa nicht so stark wie in den USA. "Bisher neigten viele deutsche Konzerne eher dazu, ihre Gewinne zu verstecken, statt sie aufzupumpen", sagt Rolf Drees vom Fondshaus Union Investment.

tmo FRANKFURT/M. Indes nutzten laut Drees im Aktienboom manche die "extremen Spielräume", die internationale Bilanzregeln wie IAS und US-GAAP bieten.

Experten fahnden hier zu Lande nach Firmen mit versteckten Bilanzrisiken. Dabei geht es weniger um Betrug wie beim texanischen Energiehändler Enron, dem Telekomkonzern Worldcom und womöglich beim Kopierriesen Xerox. Auch "aggressive Bilanzierung", also legale Tricks, werden kritisiert.

Dabei tut sich nach Aussage des Telekomanalysten einer deutschen Bank Mobilcom hervor. Der Telekomanbieter kapitalisiert die Zinszahlungen, die es für die milliardenschwere UMTS-Lizenz leisten muss. Das heißt, als Kosten tauchen die Zahlungen erst in der Bilanz auf, wenn der UMTS-Betrieb startet. "Das ist ein normales Verfahren", sagt Patrick Möller, zuständig für Investor Relations bei Mobilcom. Aber: "Konkurrenten wie die Deutsche Telekom und Vodafone bilanzieren konservativer", sagt der Telekomanalyst. So schreibt die Telekom UMTS-Zinsen und die Lizenzkosten bereits jetzt gewinnmindernd ab - anders als Mobilcom.

Zu den üblichen Verdächtigen zählt auch der Finanzdienstleister MLP. Mehrfach kritisierte ein Börsenmagazin die Bilanzierungspraxis bei Verträgen mit Rückversicherern. Die Aktie brach ein, erholte sich aber gestern. MLP hat gegen die Vorwürfe eine einstweilige Verfügung erwirkt.

Als wenig transparent gilt der Mischkonzern Preussag, der jetzt Tui heißt. Analysten tun sich schwer mit den Logistik- und Energie-Aktivitäten, die der Touristikkonzern noch mit sich schleppt. "Allerdings waren diese Bereiche zuletzt recht profitabel", sagt ein Londoner Analyst. Statt Verluste und Schulden, wie bei Enron, lägen bei der Preussag eher einige Ertragsquellen im Verborgenen.

Als schwer durchschaubar gilt bei auch der Elektroriese Siemens. Er wird häufig von Technologieanalysten beobachtet. Die verstehen jedoch wenig von "Old Economy"- Siemenssparten wie Maschinenbau und Verkehrstechnik.

Ein Problem, auf das Sal. Oppenheim hinwies, besteht in der zeitweisen Unterdeckung des Pensionsplans bei Siemens. Der Konzern hat einen Pensionsfonds aufgelegt, der einen hohen Anteil Infineon-Aktien enhält. Unter anderem wegen deren Kursschwäche unterschritt der Fondswert zeitweise den Barwert der künftigen Pensionszahlungen - um bis zu 4 Mrd. Euro. Ähnliche Probleme haben andere Konzerne wie Daimler-Chrysler, die bei der Pensionsplanung stark auf Aktien setzten. Die Siemens-Pressestelle betont, dass kurzfristige Wertschwankungen die langfristige Pensionsplanung kaum berühren. Auch Analysten sehen den Fehlbetrag als unproblematisch, sofern sich die Börsen wieder erholen.

Quelle: Handelsblatt

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