Analysten suchen nach neuen Bewertungsmethoden und entdecken Altbewährtes
Wall Street-Analysten stochern im Nebel

Nach den Terroranschlägen werden Schätzungen zu den Quartalszahlen ein Ratespiel. Für Anleger wird es schwieriger zu entscheiden, ob eine Aktie billig ist. Der historische Vergleich ist nötig.

NEW YORK. In der jetzt beginnenden neuen Quartalssaison müssen Anleger mit heftigeren Kursschwankungen rechnen als jemals zuvor. Ergebnisprognosen sind nach den Terrorattacken und mit der beginnenden Rezession nämlich so schwierig geworden, dass es jede Menge Überraschungen geben dürfte.

Bisher haben Analysten für die Bewertung einer Aktie vor allem die künftig zu erwartenden Gewinne zur Grundlage genommen. Doch damit kommen sie jetzt nicht mehr weit. "Es ist, als arbeiteten wir mit Gummibändern", sagt der Analyst für Nebenwerte bei der Investmentbank Merrill Lynch, Satya Pradhuman. "Sehen Sie sich die Reaktionen an: Ein einzelnes Ergebnis kommt raus, schon bewegt sich der ganze Aktienmarkt danach. Die Leute schauen allenfalls noch auf die nächsten paar Wochen, was in einem Jahr ist, wagen sie nicht mehr zu kalkulieren."

Selbst im laufenden Quartal sind viele ins Schwimmen geraten. Bei der Hartford-Versicherungsgruppe etwa schwanken die Prognosen der Analysten zwischen einem Verlust von 15 bis 75 Cent pro Aktie, je nachdem, ob sie ihre Daten schon an neue Schadensschätzungen angepasst haben oder nicht. Erwartete Gewinn- und Umsatzwachstumsraten als Maßstab für die Bewertung einer Aktie sind unzuverlässig geworden. Der Zeithorizont für einigermaßen verlässliche Gewinnprognosen sei von zuletzt sechs Monaten auf nur noch drei Monate geschrumpft. "Was danach kommt, weiß keiner", sagt Pradhuman. Er konzentriert sich jetzt mehr als zuvor auf den historischen Vergleich. Wie sah die Gewinnentwicklung in der Vergangenheit aus? Ist das Unternehmen in schwierigen Zeiten imstande, seine Zahlen stabil zu halten? "Organisches Wachstum" nennt man bei Merrill Lynch solche Daten der Vergangenheit. In Zeiten einer Rezession verliere auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das den Gewinn pro Aktie zum Kurs in Beziehung setzt, an Bedeutung. "Weil die Gewinne vieler Unternehmen jetzt so stark schrumpfen, erscheinen plötzlich viele Aktien sehr teuer, obwohl die Kurse nicht besonders hoch sind."

Bei Merrill Lynch blickt man deshalb jetzt lieber auf den Kurs im Verhältnis zum Cash-Flow, dem Zugang an flüssigen Mitteln. Eine wichtige Kennzahl sei jetzt auch die Eigenkapitalrendite, das ist der Gewinn der vergangenen Jahre im Verhältnis zum eingesetzten Kapital. Besonders günstig sei nach diesen Kriterien der Nahrungsmittelhersteller Cracker Barrel, der Energielieferant Arch Coal oder die Krankenhauskette Universal Health Services.

Auch bei der Investmentbank Salomon Smith Barney schaut man sich nach Alternativen zum KGV um. Eine aussagekräftigere Größe sei etwa der Gewinn vor Abschreibungen plus Zinszahlungen und Steuern im Verhältnis zum gesamten gebundenen Kapital. Zum Gesamtkapital gehören der Marktwert des Unternehmens zusätzlich des Fremdkapitals. Das ergebe ein besseres Bild zur gesamten Wirtschaftskraft eines Unternehmens, sagt der für Researchmethoden zuständige Tim Tucker.

Bei Salomon Smith Barney gewinnt ebenfalls der historische Vergleich an Gewicht. Die Analysten vergleichen die Ertragskraft in der gegenwärtigen Rezession mit der Ertragskraft in der letzten Rezession von 1990/91. Doch auch solche komplizierten Bewertungsmaßstäbe sind nicht mehr absolut zuverlässig. "Treffen Sie Ihre Entscheidungen erst, wenn die jüngsten Ergebnisprognosen raus sind, riet kürzlich ein Salomon-Smith-Barney-Analyst.

Statt der Konzentration auf arithmetische Kennzahlen lohnt sich jetzt auch verstärkt der Blick auf das wirtschaftliche Gesamtumfeld. Automobil-Analyst Steve Rubin von UBS Warburg achtet jetzt vor allem auf den Vertrauensindex der Konsumenten, weil davon die künftigen Autoverkaufszahlen abhängen. "Schon vor der Attacke bestand die Gefahr, dass sich die Verbraucher zurückziehen und die Autoverkaufszahlen absacken", sagte er. Diese Gefahr habe sich jetzt noch verschärft. "Der schlimmstmögliche Fall ist jetzt mehr ins Zentrum des Interesses gerückt."

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