Analysten uneinig über weitere Entwicklung
Aktienmärkte können 4000-er Marke testen

Einen Test der 4000-er Marke halten vorsichtige Beobachter für möglich. Denkbar sei sogar, dass die Marke unterschritten werde.

Auch Gerhard Grebe, Vorstand bei Julius Bär in Frankfurt, warnt vor weiteren Kurseinbrüchen (siehe Interview). Doch die Experten sind sich nicht einig. Während einige Aktienstrategen übergeordnete intakte Abwärtstrends erkennen, sind andere trotz der deutlichen Kursverluste seit Jahresbeginn mit Blick auf das zweite Halbjahr sehr optimistisch für den Deutschen Aktienindex (Dax) gestimmt.

Einige Beobachter sehen den wichtigsten deutschen Börsen-Index bis Ende 2002 noch um mindestens 1000 Punkte auf 5700 bis rund 6000 Zähler steigen. "Der Markt leidet unter einer Vertrauenskrise, die nicht von den makroökonomischen Daten unterlegt ist", sagte Aktienstratege Dieter Schwarz von Consors Capital. Die Märkte ignorierten die zuletzt überraschend guten Konjunkturindikatoren. "Das ist eine klare Übertreibung nach unten. Daher will ich auch meine optimistischen Ziele nicht zurücknehmen", sagte Schwarz, der den Dax bis Ende des Jahres bei über 6000 Punkten sieht. Zu den Risikofaktoren des Marktes gehörten dagegen die politischen Krisen im Nahen Osten und im Kaschmir-Gebiet sowie Sorgen vor unsauberen Konzernbilanzen, sagte HSBC-Aktienstratege Volker Borghoff. Als einer der wenigen seiner Zunft sieht Borghoff den Dax bis zum Jahresende nur bei rund 5000 Punkten.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Dax liege auf Basis der geschätzten Gewinne für 2003 derzeit bei 15,8 und damit auf dem niedrigsten Stand seit Anfang 1996, hatten die Analysten der DZ Bank in einer Studie geschrieben. Das sei eine attraktive Bewertung. Daher sei im zweiten Halbjahr ein Kursanstieg bis auf 5700 Punkte zu erwarten. Auch im Verhältnis zum Rentenmarkt sei der Aktienmarkt momentan sehr attraktiv bewertet, fügte Wiggermann hinzu. Die Aktienrendite des Dax, gemessen am KGV der für 2003 geschätzten Gewinne, betrage im Verhältnis zu zehnjährigen Anleihen aktuell 1,13. "Die Aktienseite wirft also eine um 13 Prozent höhere Rendite als Renten ab."

Doch auch unter den Aktienstrategen gibt es vorsichtige Beobachter: "Die Bereitschaft, in Aktien zu investieren, erscheint sehr niedrig zu sein", sagte Aktienexperte Hendrik Garz von der WestLB. "Die Anleger sind einfach in einer depressiven Stimmung." Bessere Unternehmensergebnisse seien aber im dritten, spätestens im vierten Quartal zu erwarten, meinte Garz weiter. "Das Problem ist: Der Markt zweifelt an den Zahlen der Unternehmen", sagte Aktienstrategin Gertrud Traud von der Bankgesellschaft Berlin. Es herrsche eine regelrechte Angst, die Bilanzen könnten nicht richtig sein, seitdem der US-Energiehändler Enron Ende 2001 zusammengebrochen war. Enron hatte mit undurchsichtigen Bilanzpraktiken die Situation des Unternehmens verschleiert. Seitdem haben immer wieder Sorgen der Anleger um die Richtigkeit der Konzernbilanzen die Wall Street wie auch die europäischen Börsen belastet.

HSBC-Stratege Borghoff ist sogar der Ansicht, dass es bis zum Jahresende lediglich eine Erholung bis in den Bereich um 5000 Punkte geben wird. "Die Risikofaktoren bleiben", sagte Borghoff mit Blick auf die politischen Konfliktregionen oder die Bilanzsorgen. Auch seien die Gewinnschätzungen der Unternehmen noch zu hoch. Weiter fallende Kurse seien aber auf Grund der Konjunkturentwicklung nicht zu erwarten. "Dennoch ist es nicht mehr auszuschließen, dass der Dax auch das dritte Jahr in Folge mit einer negativen Performance (Entwicklung) abschließt", sagte Borghoff.

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