Analysten von EZB und Moody’s sehen noch Risiken
Europäische Banken sind robust

Aktives Kapitalmanagement ist der Rettungsanker für viele europäische Banken. Sie schaffen sich dadurch ein Kapitalpolster, um auch Verluste verkraften zu können. Dennoch: die Risiken bleiben. Vor allem deutsche Banken sind in einer schwierigen Lage, wie auch das stark gesunkene Ergebnis der Commerzbank zeigt.

HB FRANKFURT/M. im Euro-Raum sind trotz der ungünstigen Entwicklungen vor allem des Jahres 2001 in einer robusten Verfassung. Es bestünden jedoch nach wie vor wichtige Faktoren - besonders bei den Kreditrisiken - die Anlass zur Besorgnis gäben. Diesen Schluss zieht die Europäische Zentralbank (EZB) in einer Analyse der jüngsten Entwicklungen und Risiken im Bankensektor des Euro-Währungsgebiets, den sie gestern in ihrem Monatsbericht veröffentlicht hat.

Nach Ansicht der EZB-Experten sind die Banken mit ausreichend Kapital ausgestattet, um Verluste aufzufangen. Trotz höherer Kreditrisiken und geringerer Erträge seien die Liquiditätskennzahlen der größten Banken im Euroraum im Durchschnitt recht stabil. Auch die Kapitalquoten (Tier 1) hätten sich auf einem soliden Niveau behauptet, schreiben sie in dem gestern veröffentlichten Monatsbericht. Sie halten es für bemerkenswert, dass die Eigenkapitalquoten trotz der recht grßen Schwankungen beim Wachstum der Gesamtaktiva und den Erträgen stabil geblieben seien. Die Ursache dafür dürfte ein aktives Kapitalmanagement durch die Banken sein, das unabhängig von der Geschäftslage einen stetigen Puffer über den regulatorischen Mindestanforderungen sichere.

Auf europäischer Ebene zeige sich zunehmend ein Unterschied zwischen einer längerfristigen Marktbewertung und den Bilanzdaten, schreibt die EZB. Der Markt schätze die Stabilität der 50 größten Banken in Europa seit Anfang 2002 zunehmend positiv ein, stellt die EZB fest. Sie misst dies mit dem Indikator der Ausfallschwelle ("distance to default") - das ist der Punkt, an dem der Wert der Aktiva einer Bank exakt dem Wert ihrer Passiva entspricht, das Eigenkapital also gleich null wäre. In den vergangenheitsorientierten Bilanzen spiegele sich die gesunkene Qualität von Aktiva - die etwa in steigenden Rückstellungen für Kreditausfälle deutlich wird - mit einer Zeitverzögerung wieder. Deshalb sei damit zu rechnen, dass sich die Bilanzindikatoren für das Geschäftsjahr 2002 weiter verschlechtern werden.

Eine ähnliche Einschätzung des europäischen Bankenmarktes vertreten die Analysten der Rating-Agentur Moody?s. Auch sie warnen vor einer schlechteren Qualität der Aktiva und einer auch noch im nächsten Jahr steigenden Risikovorsorge der Banken. Die fundamentale Bonität der Banken sei heute stärker als vor zehn bis fünfzehn Jahren. Ihre Ertragskraft sei stärker, ihre Erlösquellen und Kreditportfolios diversifizierter und das ökonomische Kapital höher. Freilich sehen auch die Moody?s-Analysen Risiken in dem Sektor: Der Fall der Aktienkurse erhöhe das Risiko und reduziere das ökonomische Kapital von Banken mit Industrie-Beteiligungen.

Die deutschen Banken sind laut Moody?s allerdings in einer deutlich schlechteren Verfassung als viele ihrer europäischen Wettbewerber: Die schwache Ertragsbasis sei nur ein dünnes Polster gegen höheren Risikovorsorgebedarf. Weitere Herabstufungen von Ratings könnten folgen, nachdem in den vergangenen Monaten bereits Commerzbank und Dresdner Bank herabgestuft wurden.

Die gestern von der Commerzbank veröffentlichten Zahlen für das zweite Quartal verdeutlichen die Bedenken der EZB-Experten und Moody?s-Analysten. Die Ergebnis vor Steuern ist im Vergleich zum Vorjahresquartal um 90 % auf 25 Mill. Euro gesunken, der Gewinn von 126 auf 2 Mill. Euro. Die Risikovorsorge musste um 74 % auf 308 Mill. Euro aufgestockt werden. Ob das Ziel der Bank, im Gesamtjahr eine Ergebnis vor Steuern von 700 bis 800 Mill. Euro zu erwirtschaften, erreicht werde, sei "mit zwei Fragezeichen" zu sehen, sagte Banksprecher Ulrich Ramm. Mitte des Jahres sei es aber zu früh für eine Gewinnwarnung.
Den Stärken der Bank - das gut laufende Firmenkundengeschäft und Kostensenkungen - stünde vor allem die Unsicherheit über Risikovorsorge und die volatilen Erträge im Handel gegenüber. Handlungsbedarf sieht die Bank bei der Kapitalquote. Durch die Bewertung nach den internationalen Bilanzregeln IAS zeigt sich in der so genannten Neubewertungsreserve, dass der Marktwert der nicht-konsolidierten Industrie- und Bankbeteiligungen rund 390 bis 440 Mill. Euro unter Buchwert liegen. Das schlägt sich im bilanziellen Eigenkapital nieder, auch wenn die Verluste erst bei Verkauf oder voraussichtlicher dauernder Wertvernichtung realisiert werden.
Durch 700 Mill. Euro steuerfreien außerordentlichen Ertrag aus der Entkonsolidierung der Hypotheken-Tochter Rheinhyp will die Commerzbank ihr Tier 1-Kapital von 5,9 auf 6,4 % erhöhen, ein weiterer Prozentpunkt soll durch die Reduktion von Risikoaktiva hinzukommen. Das Beispiel der Commerzbank verdeutlich die Befürchtung, die Moody?s und EZB abstrakt für die Bankenbranche formuliert haben: Sinkende Börsenwerte können ins Kapital schneiden und damit Geschäftsmöglichkeiten der Banken einschränken. Eine Sorge ist der Bank genommen: Die Allfinanzaufsicht BAFin wird nicht wegen möglicher Verletzung der Ad-hoc-Pflicht ermitteln, nachdem die Zahlen bereits Montag Abend in den Medien waren.
Quelle: Handelsblatt

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