Analysten warnen vor neuen Tiefständen
Experten rechnen nicht mit Entspannung

Chartexperten können Anlegern zu Weihnachten keine frohe Botschaft bieten: Bei deutschen und europäischen Standardwerten rechnen sie mit weiteren Kursverlusten. Ein Experte sieht jetzt schon ein Verkaufssignal für den Dax, andere wollen noch den heutigen "Hexensabbat" am Terminmarkt abwarten.

FRANKFURT/M. Aus Sicht der Charttechniker sind die Aussichten für den deutschen Markt noch trüber als für den europäischen. Denn der Deutsche Aktienindex (Dax) ist gestern aus seiner Handelsspanne gefallen, innerhalb der er einige Zeit seitwärts tendierte.

Die untere Zone dieser "Tradingbox" verlief seit Mitte Oktober - bis gestern - bei 2 980 bis 3 000 Punkten, die Obergrenze zwischen 3 400 und 3 480 Zählern, wie Sandra Schiller von Commerzbank Securities erklärt. Werde die Untergrenze zwei Tage in Folge unterschritten, ergebe sich ein Verkaufssignal. Speziell vor dem Hintergrund des heutigen Hexensabbats - dem Auslaufen verschiedener Kontrakte am Terminmarkt, der meist mit starken Kursschwankungen verbunden ist - , will sie noch einen zweiten Durchbruch abwarten, um von einem klaren Signal zu sprechen; allgemein rät Schiller übrigens stets dazu, eine Bestätigung eines Signals abzuwarten.

Nach dem Fall unter die Unterstützungszone von 2 980 bis 3 000 Zählern hält Wieland Staud, Charttechniker aus Bad Homburg, nun kurzfristig einen Abschwung bis auf 2 519 Punkte, dem bisherigen Tief am 9. Oktober, für möglich. Mittelfristig müssten Anleger sogar mit weiteren Abschlägen rechnen, warnt er. Auch wenn sich der Dax zu Beginn des nächsten Jahres kurzzeitig über 3 470 Punkte schwingen könnte, stünden im nächsten Jahr neue Tiefstände an. Staud: "Von einer Bodenbildung kann noch keine Rede sein." Der Abwärtstrend seit März 2000 sei noch intakt.

Der Frankfurter Charttechniker Marcel Mußler geht noch weiter: Aus seiner Candle-Stick-Analyse gehe ein langfristiges Verkaufssignal beim Dax hervor. Mußler: "Wir sollten uns nicht einreden, dass wir 2003 mit einem substantiellen Hausse-Neustart rechnen können. Das beste, was passieren kann, ist, dass der Dax nicht mehr wesentlich weiter fällt." Anleger müssten neue Tiefs bis zu etwa 2 400 Zählern im Dax einkalkulieren.

Auch Uwe Wagner von der Deutschen Bank erwartet nach dem Fall unter der für ihn wichtigen Marke von 2 987 Punkten eine weitere Abwärtsbewegung im Dax: Er sieht nun Abwärtspotenzial bis zu 2 500 Zählern.

Bei den europäischen Standardwerten gibt es momentan zwar auch keinen Anlass für Euphorie, aber das Bild ist nicht ganz so trübe. Bis gestern glichen sich noch die Chartverläufe beim Dax und beim Euro Stoxx 50, denn beide verharrten innerhalb einer "Tradingbox". Schiller zufolge liegt das untere Ende dieser "Box" beim Euro Stoxx 50 bei 2 380 bis 2 400 Punkten, das obere bei 2 670 bis 2 740 Zählern.

Das europäische Marktbarometer ist noch nicht aus dieser "Box" herausgefallen, so dass noch kein Verkaufssignal in Sicht sei, meinen einige Charttechniker. Schiller bereitet aber Sorge, dass der britische FTSE-100-Index - der sich oft schon als "Vorläufer" unter anderem für den Euro Stoxx 50 erwiesen habe - bereits mehrere Tage aus seiner derzeitigen "Box" herausgefallen sei.

Technische Indikatoren deuteten zwar darauf hin, "dass die Reise eher nach unten geht", ergänzt der Frankfurter Chartanalyst Lutz Mathes. Doch solange sich der Euro Stoxx 50 in seinem Seitwärtsbereich halte, lohne sich noch keine Spekulation auf einen Abschwung. Mathes ist sogar vorsichtig optimistisch: "Wenn die Unterstützungslinien den großen Terminbörsenverfallstag morgen überleben, wäre das die Basis für einen freundlichen Jahresbeginn." Das heiße aber nicht, dass ein nachhaltiger Aufschwung in Sicht sei; schließlich befänden sich die europäischen Standardwerte immer noch in ihrem seit Mai 2002 bestehenden Abwärtstrend, der aktuell bei 2 600 Punkten verlaufe. Mathes: "Das begrenzt die Phantasie für steigende Kurse vorerst."

Positiv sieht er zwar, dass sich die Blue Chips in Europa auch in der jüngsten Schwächephase in ihrem Seitwärtsbereich halten konnten. Doch gegen schnelle Kursgewinne spreche die Tatsache, dass auch die Euro-Aktien noch keine untere Trendwende vollziehen konnten. Der abwärts gerichtete Fächer (siehe Grafik), der sich aus den immer wieder nach unten durchbrochenen Aufwärtstrends seit dem Oktober-Tief herleite, mache die gegenwärtige Schwäche deutlich. "Das kommende Jahr kann Anlegern einen Test des Tiefs bei etwa 2 190 Punkten im Euro Stoxx 50 bescheren", warnt der Chartexperte. Anschließend müsse sich dann zeigen, ob die positiven Marktkräfte für eine Trendwende ausreichten.

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