Analysten zweifeln am Modell des reinen Online-Brokerage
Direktbanken kämpfen mit Verlusten

Die deutschen Online-Broker stecken in der Krise. Nach Comdirect und DAB hat nun auch Consors hohe Verluste offenbart. Wegen der Börsenflaute werden die Ergebnisse in diesem Jahr erneut mager ausfallen.

FRANKFURT. 2001 war ein rabenschwarzes Jahr für die deutschen Online-Broker. Die Branchenführer Comdirect, Consors und DAB Bank fuhren Verluste in dreistelliger Millionenhöhe ein. Als letzter des am Neuen Markt notierten Trios legte gestern Consors die Bilanz vor. Der zum Verkauf stehende Nürnberger Discount-Broker verbuchte einen Fehlbetrag von 125,5 Mill. . Vor Steuern waren es 213 Mill.

Im Vergleich zu den Hauptrivalen liegt Consors damit gar nicht einmal schlecht. Bei der Commerzbank-Tochter Comdirect betrugen die Miesen nach Steuern 160,5 Mill., bei der Hypo-Vereinsbank-Tochter sogar 196 Mill.

Neben der Börsenflaute verhagelten Abschreibungen auf defizitäre Auslandstöchter die Bilanzen. Während der Boomphase hatten die Broker eine kostspielige Europa-Expansion betrieben. Doch die optimistischen Erwartungen zerplatzten schnell. Die DAB musste jetzt 100 Mill. auf ihre Ende 2000 übernommene französische Tochter Self Trade abschreiben, Comdirect über 200 Mill. auf diverse Auslandstöchter.

Auf die Misere reagieren die Broker mit unterschiedlichen Strategien. Comdirect-Chef Bernt Weber zog die Reißleine: Die Bank verabschiedet sich aus Frankreich und Italien und konzentriert sich fortan auf Deutschland und Großbritannien. Die DAB dagegen denkt weiter europäisch. Zwar wird das Italiengeschäft dicht gemacht. Aber in Frankreich, England, Spanien und der Schweiz will die Bank weiter machen.

Was mit dem Auslandsgeschäft von Consors geschieht, hängt davon ab, wer den Broker kaufen wird. Die krisengeplagte Schmidt-Bank muss ihren Anteil von 65 % an Consors verkaufen. In Finanzkreisen gelten die französischen Banken BNP Paribas und Société Générale als Favoriten für den Zuschlag. Im Gespräch als Käufer sind ferner die Commerzbank und die US-Broker E-Trade und Charles Schwab. Einzelheiten zum Stand des Verkaufs, der in den nächsten Tagen über die Bühne gehen soll, nannte Consors-Chef Karl Matthäus Schmidt gestern nicht.

Aber nicht nur das Auslandsgeschäft bereitet den Brokern Kopfzerbrechen - auch im Inland stockt das Geschäft. Wegen der labilen Stimmung an den Aktienmärkten handeln weitaus weniger Anleger als im Boomjahr 2000. Die rückläufigen Einnahmen sind eine neue Erfahrung für die Branche, die bis dato nur rasches Wachstum kannte. "Statt Wachstum zu managen, mussten wir lernen, die Kosten im Zaum zu halten", beschreibt Consors-Chef Schmidt den Paradigmenwechsel. Zwar fuhren alle drei Broker einen harten Sparkurs mit drastischen Einschnitten beim Personal, den IT- und den Marketingaufwendungen. Aber nur Comdirect gelang es, wenigstens im operativen Geschäft in Deutschland einen kleinen Gewinn zu erwirtschaften.

Wieder ein schwieriges Jahr

Auch für das laufende Jahr sind die Perspektiven mau. "Es wird wieder schwierig", meint Johannes Thormann, Analysten bei WestLB Panmure. Entscheidend sei, wie die Firmen ihre Kosten in den Griff kriegen. Einen nachhaltigen Anstieg der Börsen, der die Anleger zu mehr Aktienkäufen veranlassen könnte, erwarten Finanzexperten frühestens für das zweite Halbjahr. Entsprechend zurückhaltend geben sich die Konzerne. Comdirect-Mann Weber spricht vage vom Erreichen der Gewinschwelle in diesem Jahr, DAB-Chef Matthias Kröner schließt Verluste nicht aus. Und Consors will zwar im Inland die Gewinnschwelle erreichen, rechnet im Ausland aber nochmals mit Verlusten. Thormann von WestLB Panmure geht davon aus, dass Consors und DAB unter Strich erneut Verluste einfahren.

Angesichts der mageren Perspektiven fragen sich manche Experten, ob das aktuelle Geschäftsmodell des Online-Brokerage überhaupt haltbar ist. "Das Modell des reinen Online-Brokerage rechnet sich nur bei stabil steigenden Märkten", sagt Britta Graf-Tiedtke, Analystin bei Concord Effekten. Denn auf der Kostenseite könnten die Broker nach den Sparbeschlüssen des vergangenen Jahres kaum noch kürzen. Noch deutlicher urteilt die BHF Bank. "Das reine Discount-Brokerage-Modell ist auf Dauer nicht überlebensfähig", schreiben die Analysten in einer Studie. Das Kundenwachstum verlangsame sich, weil die potenziellen Interessenten Beratung suchten. Daher dürften die Broker künftig verstärkt Beratung in Filialen anbieten.

Gelegentlich wird sogar spekuliert, dass Comdirect und DAB in ihre Mutergesellschaften integriert werden könnten. Noch weisen Weber und Kröner solche Gedankenspiele zurück. Auch Graf-Tiedtke kann sich ein Integration nur im äußersten Notfall vorstellen, sieht dafür aber momentan keine Anzeichen. Immerhin wollen beide Broker enger mit ihren Konzernmüttern kooperieren. Comdirect will die Commerzbankfilialen als Vertriebskanal nutzen. Auch die DAB steckt in Verhandlungen mit der HypoVereinsbank über eine verstärkte Zusammenarbeit. Consors ist dieser Weg wohl verbaut: Die meisten Kaufanwärter haben in Deutschland keine Zweigstellen.

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