Analysteneinschätzung
Volkswirte sehen deutsche Teuerung nahe Jahrestief

Die deutsche Jahresteuerung ist nach Schätzungen von Analysten im Mai auf 1,4 % zurückgegangen und hat damit womöglich schon den niedrigsten Stand dieses Jahres erreicht.

rtr FRANKFURT. Die Preisdaten aus sechs Bundesländern, auf deren Basis das Statistische Bundesamt die vorläufige Inflationsrate errechnet, werden von Donnerstag an veröffentlicht. Im Schnitt erwarten die 15 von Reuters befragten Volkswirte im Mai einen Preisanstieg von 0,2 % zum Vormonat nach plus 0,1 % im April. Die Jahresrate würde sich damit auf 1,4 von 1,6 % verringern. Im April hatte Deutschland neben Österreich die niedrigste Jahresteuerungsrate der zwölf Euro-Zonen-Länder. Im gesamten Währungsgebiet stiegen die Preise im Schnitt um 2,4 %.

Die Volkswirte sehen damit den Tiefpunkt bei der deutschen Inflationsrate bald erreicht. "Im Sommer werden die Preise auf dem niedrigen Niveau verharren, ab Oktober sind wieder höhere Raten zu erwarten", sagte Klaus Schrüfer von der SEB Bank. Dafür sprächen mehrere Gründe: Die Basiseffekte, die in diesem Monat vor allem die geringere Teuerung bewirkten, fielen weg. Wenn die Konjunktur anziehen sollte, könnten die Unternehmen die nach den Tarifabschlüssen gestiegenen Lohnkosten zudem in höheren Preisen weitergeben. Schrüfer erwartet bei der Jahresrate bis Ende 2002 wieder eine zwei vor dem Komma. Im Januar hatten bereits die stark gestiegene Gemüsepreise die Teuerung in Deutschland auf 2,1 % erhöht.

Mit einer niedrigeren Inflationsrate im Mai rechnen die Analysten vor allem, weil die Inflationsrate im Mai vergangenen Jahres mit 3,5 % den höchsten Stand des Jahres erreicht hatte. Damals hatten sich wegen BSE und Maul- und Klauenseuche alternative Nahrungsmittel zu Rind- und Schweinefleisch stark verteuert. Ohne diesen rechnerischen Effekt wäre die Jahresteuerung wohl etwa so hoch wie im April ausgefallen, schätzt Stefan Bielmeier von der Deutschen Bank.

Auch wenn die Diskussion über den "Teuro" in Deutschland nicht abebbt, gehen von den beobachteten Euro-Preisaufrundungen nach Ansicht der Volkswirte keine Inflationsimpulse auf das gesamte Preisniveau aus. "Solche Preiserhöhungen hat es bis März gegeben, aber dieser Einfluss sollte jetzt verschwinden", sagte Stephan Rieke von der BHF-Bank. Da die Verbraucher wegen des Euro-Ärgers die Geldbeutel verschlossen und wenig konsumiert hätten, sei der Einzelhandel jetzt vielmehr zu stärkeren Rabatten und Sonderangeboten gezwungen.

TEUERUNG IN ANDEREN EURO-ZONEN-LÄNDERN HÖHER

Dass die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone mit der zurzeit schwächsten Konjunktur die niedrigste Inflation verzeichnet, ist für die Analysten keine Überraschung. Aus Sicht der Europäischen Zentralbank (EZB), die als oberstes Ziel ein stabiles Preisniveau mit weniger als zwei Prozent Inflation anstrebt, seien die höheren Inflationsraten in anderen Ländern Besorgnis erregend. So waren die Preise im April vor allem in Spanien (3,7 %), den Niederlanden (4,2 %) und Italien (2,5 %) stärker gestiegen. In Italien erwarten Analysten in diesem Monat nur wenig Entspannung.

EZB-Präsident Wim Duisenberg hatte mehrfach vor wachsenden Inflationsgefahren durch höhere Preise für Energie und Dienstleistungen gewarnt. Zudem ist die EZB offenbar besorgt, dass sich die Preisschocks vergangener Jahre in höheren Inflationserwartungen verfestigen und zum Beispiel generell zu höheren Tarifabschlüssen führen könnten. Duisenberg warnte am Dienstag, starke Lohnerhöhungen schadeten der Wirtschaft über höhere Kosten und Preise mehr als dass sie ihr über mehr Nachfrage nützten könnten. Die EZB ist Duisenberg zufolge nicht mehr sicher, dass die Inflation wie zu Jahresbeginn erwartet im Lauf des Jahres deutlich unter zwei Prozent sinkt. Doch so lange die Lohnmäßigung anhalte, sei im Jahresschnitt eine Rate um zwei Prozent erreichbar. Die EZB-Obergrenze würde also höchstens nur um wenige Zehntel Prozent verfehlt. Zum letzten Mal war die Inflation vor zwei Jahren niedriger als zwei Prozent.

Nach mehreren besorgten Äußerungen über Inflationsrisiken seitens der EZB-Spitze erwarten viele Volkswirte nun, dass die EZB bereits im dritten Quartal die Zinsschraube anzieht. Viele erwarten dabei eine Erhöhung bei der Ratssitzung im September.

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