Analystengehälter werden vom Investment-Geschäft abgekoppelt
Merrill Lynch übt Vergangenheitsbewältigung

Die US-Bank Merrill Lynch hat sich mit der New Yorker Staatsanwaltschaft im Streit um bewusste Irreführung von Investoren außergerichtlich geeinigt. Am Schluss war alles nur im Interesse der Anleger.

NEW YORK. Am Schluss war alles nur im Interesse der Anleger. Der profitiert ab sofort von objektiven Analysen, die von objektiven Autoren geschrieben und von noch objektiveren Experten geprüft werden. Bei Merrill Lynch sind Research (also die Aktienbewertung) und Investment Banking in Zukunft durch Mauern getrennt, die noch höher, noch dicker und noch unüberwindbarer sind als die viel beschworene "Chinese Wall". Endlich ist wieder Vertrauen im Markt und auf Analysten wieder Verlass. - Schön wär?s.

Es hört sich vielversprechend an, was David Komansky und Stan O?Neal vor der Presse beschwören. Die beiden Chefs von Merrill Lynch geben Fehler in der Vergangenheit zu, und sie wollen manches/einiges/vieles ändern. Die Aktie begann den Dienstag mit mehr als 4 % im Plus.

Doch dann hörten Investoren genauer hin, und sie sind nicht überzeugt. Der Handel verdeutlicht das: Trotz der oberflächlich guten Nachrichten von Seiten der Generalstaatsanwalt geht der Markt in den Keller. Das hat natürlich viele Gründe (High-Tech zu teuer, Pharma in der Krise), doch hat vieles auch mit der halbseidenen Einigung im Fall Merrill Lynch zu tun.

Einer der kritischen Beobachter ist Jacob Zamansky, New Yorker Rechtsanwalt und Kläger in einem anderen Fall von Analystenbetrug, der dem Fall Henry Blodget nicht unähnlich ist. Der High-Tech-Analyst hatte Aktien bei Merrill Lynch intern als schwach erkannt und nach außen hin gelobt - bei Salomon Smith Barney (SSB) tat Jack Grubman das selbe. Und noch eine weitere Analystin hat Zamansky auf dem Kieker: Mary Meeker, die "Queen of the Internet" von Morgan Stanley. Aktien der SSB-Muttergesellschaft Citigroup und von Morgan Stanley stehen am Mittag bereits im Minus, Merrill Lynch ist auf dem besten Weg dorthin.

Denn Anlegern ist klar, was auch Zamansky fordert: Bei einem Schuldeingeständnis und ein paar warmen Worten kann und wird es nicht bleiben. "Merrill Lynch muss Schadensersatz zahlen", sagt der Anwalt, und es wird wohl zu Hunderten und Tausenden einzelner Klagen kommen. Diese dürften sich über Jahre hinziehen und das Unternehmen einige Milliarden Dollar kosten. Kein Grund zur Euphorie also.

Wenn eines gut ist für den Anleger, dann, dass Einsteiger und Experten ihr Auge schärfen konnten und den Analysten nicht länger blind vertrauen. Vielen nutzt das wenig: Sie haben die Ersparnisse eins ganzen Lebens verloren und müssen hoffen, ihre Klage gegen Merrill Lynch so schnell wie möglich auf den Weg zu bekommen. So können sie ihre Verluste begrenzen - aber auf keinen Fall gewinnen.

Nach dem Fall Blodget wirkt es verlogen, wenn sich Merrill Lynch Aufklärung auf die Fahnen schreiben. Reue und Schadensbegrenzung wären angebracht, doch das nimmt man Kamansky und O?Neal am Dienstag nicht ab. Es ist auch nicht leicht, ein reuiges Gesicht aufzusetzen, wenn man gerade einen Riesen-Sieg errungen hat. Und ein solcher ist Merrill Lynch gelungen, denn man muss vorerst nur 100 Millionen Dollar Strafe zahlen. Experten waren von einer Milliarde ausgegangen.

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