Anarchie in Bagdad: Kommentar: Der Kollaps

Anarchie in Bagdad
Kommentar: Der Kollaps

Amerikaner und Briten stehen vor neuen Problemen: Noch bevor sie die militärische Kontrolle über die wichtigsten Städte des Iraks vollständig gesichert haben, droht ihnen die zivile zu entgleiten.

Möbel, Vasen, Computer und Kühlschränke: Bagdads Bevölkerung entlädt ihre Erleichterung über den Zerfall des Regimes von Saddam Hussein in einer Mischung aus Jubel und Anarchie. Kasernen, Büros und Lagerhäuser werden wie in einem Rausch geplündert, das Finanzministerium in Flammen gesetzt. Ähnlich chaotische Szenen gibt es in Basra, obwohl die Briten dort bereits eingerückt sind. Zwar bedeuten die Ereignisse des gestrigen Tages noch nicht das absolute Ende des Krieges, doch steht der symbolträchtige Sturz der Statue Saddams im Zentrum Bagdads doch sicherlich für den Kollaps seines Systems.

Der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung stellt Amerikaner und Briten erst einmal vor neue Probleme. Noch bevor sie die militärische Kontrolle über die wichtigsten Städte des Iraks vollständig gesichert haben, droht ihnen die zivile zu entgleiten. Gewiss, mancher Übergriff mag dem ersten Überschwang zuzuschreiben sein. Allmählich geht den meisten Irakern auf, dass die Diktatur zu Ende geht. Viele trauen sich erstmals, ihre Freude spontan zu zeigen. Aber die Koalition muss höllisch aufpassen, die öffentliche Ordnung in dieser Übergangsphase zumindest halbwegs aufrechtzuerhalten. Die Briten haben in Basra zum Teil beide Augen zugedrückt und viel Verständnis dafür aufgebracht, dass die Bevölkerung nach den Jahren der Unterdrückung erst einmal Dampf ablässt. Die Diktatur Saddam Husseins darf aber nicht durch die Anarchie der Straße ersetzt werden.

Insofern ist die Situation für die Amerikaner besonders heikel. Sie wollen als Befreier akzeptiert werden, die für demokratische Verhältnisse sorgen. Nun müssen sie erst einmal entschieden durchgreifen, damit ihnen die Kontrolle nicht aus den Händen gleitet. In dieser sicherlich sehr kritischen Phase der Machtübernahme kommt es umso mehr darauf an, die Infrastruktur zu schützen, zivile Institutionen wieder zum Leben zu erwecken, für Recht und Ordnung in den Städten zu sorgen. Insofern haben Briten und Amerikaner schon das richtige Gespür, wenn sie schnell die Grundpfeiler für die Reorganisation des Staates Irak errichten. Gelingt ihnen das nicht, breitet sich ein gefährliches Vakuum aus, in dem Plünderungen zu Alltagserscheinungen werden könnten.

Szenen wie in Bagdad oder Basra werden auf Dauer nur verhindert, wenn die Bevölkerung rasch zu ihrem Alltag zurückfindet, wenn Märkte und Unternehmen ihr Geschäft wieder aufnehmen, wenn die amerikanischen Streitkräfte für Ruhe sorgen - und wenn die Bevölkerung entwaffnet wird, damit alte Rechnungen nicht gewaltsam beglichen werden. In der Verantwortung der USA liegt es auch, humanitäre Hilfslieferungen reibungsloser als in den vergangenen Tagen ins Land zu schleusen.

Nur wenn die nicht überall als Befreier umjubelten Koalitionäre nach den harten Tagen des Krieges demonstrieren können, dass ihnen das Schicksal der Menschen am Herzen liegt, werden sie die schwierige Aufgabe bewältigen können, einen neuen, demokratischen Irak aufzubauen. Sich angesichts dieser Lage darüber zu streiten, welche Rolle die Vereinten Nationen oder andere internationale Hilfsorganisationen beim Wiederaufbau spielen sollen, mutet einigermaßen grotesk an. Gefragt ist schnelle und unbürokratische Hilfe für die Iraker, vor allem für die vielen zivilen Opfer dieses Krieges.

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