Anbieter reagieren auf Druck ihrer Kunden
Indexumstellungen verändern die Börsenwelt

Die großen internationalen Indexanbieter wirken in der Regel bescheiden im Hintergrund. Doch in diesem Jahr haben FTSE, Stoxx und der Marktführer Morgan Stanley Capital International (MSCI) mit ihren Reformen die Kurse an den Weltbörsen bewegt. 2001 dürfte das kaum anders werden.

mm FRANKFURT/M. An den internationalen Börsen wird es in Zukunft ein Stück gerechter zugehen. Mit MSCI hat sich Mitte Dezember auch der letzte große internationale Indexanbieter entschlossen, seine Börsenbarometer nur noch nach dem so genannten Streubesitz zu berechnen. Dann zählt für die Gewichtung einzelner Unternehmen in den Indizes nicht mehr wie bislang die gesamte Marktkapitalisierung sondern nur noch die Zahl der frei handelbaren Aktien (Free Float). Durch die Umstellung schaffen die Anbieter klare Verhältnisse, allerdings zwingen sie ihre Kunden gleichzeitig zu massiven Umschichtungen. Um die Reform nachzuvollziehen, müssen Fondsmanager und Vermögensverwalter, die sich an den Indizes orientieren, in den kommenden Monaten quer durch alle Kontinente Werte mit geringem Streubesitz abstoßen und im Gegenzug Titel mit hohem Free Float zukaufen. Dadurch könnten an den Weltbörsen hunderte von Milliarden Dollar in Bewegung geraten.

Mit der Umstellung reagieren die Anbieter auf den Druck ihrer Kunden. Vermögensverwalter und Fondsmanager hatten beklagt, dass bei zahlreichen Unternehmen ein Großteil der Aktien in festen Händen liege. Bei ihren Anlageentscheidungen müssen die Investoren bislang aber die gesamte Marktkapitalisierung ins Kalkül ziehen. Das führt zu überzogenen Kursen, da bereits vergleichsweise bescheidene Orders größere Bewegungen am Markt auslösen können.

Verlierer der MSCI-Reform

Stoxx, der Anbieter der bekanntesten europäischen Marktbarometer, hat die Streubesitz-Umstellung bereits im vergangenen September hinter sich gebracht. Damals waren die Folgen an den Aktienbörsen deutlich spürbar, vor allem für die großen Telekom-Konzerne, die noch einen hohen Staatsanteil mit sich herum schleppen. Aber auch die Aktien von Versicherern wie der Allianz oder der Münchener Rück litten, da die Überkreuzbeteiligung beider Unternehmen den Free Float drückt. Diese Werte gelten auch als potenzielle Verlierer der MSCI-Reform.

Die Effekte der FTSE-Umstellung werden etwas anders aussehen, da der Anbieter beispielsweise Staatsanteile aus seinen Indizes bereits herausgerechnet hat. Am deutschen Aktienmarkt trifft es Degussa-Hüls, Karstadt-Quelle, SAP und Metro am härtesten. Ihr Gewicht in den FTSE-Indizes wird um jeweils 60 % sinken. BMW und Münchener Rück verlieren die Hälfte ihrer Gewichtung.

Pessimisten befürchten, dass die Umstellung aufgrund des enormen Anlegerkapitals, das an die Börsenbarometer gekoppelt ist, an den Aktienmärkten deutliche Spuren hinterlassen wird. Analysten schätzen, dass sich rund 3 Bill. $ an den MSCI-Indizes orientieren, für die FTSE-Indizes liegen die Schätzungen bei 2 Bill. $. Optimisten verweisen dagegen auf die ausgesprochen langen Übergangsfristen, die beide Anbieter den Investoren eingeräumt haben. Die Schonfrist werde für einen weitgehend reibungslosen und sanften Übergang sorgen, argumentiert beispielsweise Klaus Martini von der Fondsgesellschaft DWS.

FTSE hat seinen Reformbeschluss bereits im Herbst 1999 gefasst und die Anleger seither sorgsam auf die endgültige Umstellung im Juni 2001 vorbereitet. MSCI will ebenfalls im Juni die ersten vorläufigen Daten für seine neuen Indizes veröffentlichen. Die Reform selbst hat der Marktführer auf zwei Termine Ende November 2001 und Ende Mai 2002 verteilt.

Gleichzeitig mit der Umstellung auf Streubesitz will MSCI die Repräsentativität seiner Indizes verbessern. Statt 60 % sollen in Zukunft 85 % der Marktkapitalisierung eines Landes in die Börsenbarometer einfließen. Diese Entscheidung zwingt Anleger zu zusätzlichen Umschichtungen.

Trotz der langen Fristen ist es nach Meinung von Stavros Siokos, Analyst bei Schroder Salomon Smith Barney (SSSB), für eine Entwarnung noch zu früh. Er verweist auf das Beispiel von Stoxx. Bei der Umstellung im vergangenen September hätten 40 % der Umschichtungen erst im Monat vor der Neuordnung der Indizes stattgefunden. Weitere 50 % seien am Tag der Umstellung selbst und in der Woche danach angefallen. Siokos erwartet, dass die Effekte der MSCI-Reform ab dem Frühjahr spürbar werden. Nach Berechnungen von SSSB könnte die Neuordnung Umschichtungen bis zu 300 Mrd. $ auslösen. FTSE geht davon aus, dass Anleger grob geschätzt 200 Mrd. in Bewegung setzen müssen.

Bei der Umstellung der MSCI-Indizes erwartet Carsten Hilck von der Fondsgesellschaft Union Investment die größten Bewegungen im MSCI-EAFE-Index, der die Welt außerhalb Amerikas abbildet. An dieses Marktbarometer sei das meiste Kapital gekoppelt. Den EAFE nutzen vor allem US-Investoren für ihre weltweiten Anlageentscheidungen.

Die Analysten der Bank Julius Bär haben ausgerechnet, dass die Telekomwerte aufgrund des häufig noch hohen Staatsanteils am stärksten unter der MSCI-Reform leiden werden. Auch Transport- und Softwaretitel müssen demnach mit einem Gewichtsverlust rechnen. Dagegen werde die Bedeutung von Energie- und Technologiewerten in den Börsenbarometern steigen.

Gefahr für Japan

Blickt man auf einzelne Regionen, dann droht Japan und den asiatischen Schwellenländern die größte Gefahr. Aber auch die Euro-Staaten stehen auf der Verliererseite der MSCI-Reform. Analyst Robert Parkes von der britischen Bank HSBC befürchtet, dass aus Asien und der Eurozone jeweils 20 Mrd. $ abfließen könnten. Für die USA und Großbritannien, beides Länder mit traditionell hohem Streubesitz. prognostiziert Parkes dagegen Zuflüsse von 30 Mrd. $ bzw. 6 Mrd. $. Glaubt man den SSSB-Analysten, dann wird es Deutschland innerhalb der Eurozone am härtesten treffen. Allein für den heimischen Aktienmarkt sagt die Investmentbank einen Kapitalabfluss von mehr als 5,5 Mrd. $ voraus.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%