Andere Oppositionsvertreter sind weniger optimistisch
Nordallianz vor Eroberung von Masar-i-Scharif

"Die nordafghanische Provinzhauptstadt Masar-i-Scharif steht vor dem Fall." Seine Truppen stünden nur noch 20 Kilometer vor der Stadt, direkt am Flughafen, sagte General Abdul Rashid Dostum dem Handelsblatt in einem per Satellitentelefon geführten Interview aus der Kriegsregion.

MOSKAU. Die Taliban-Kommandeure in der wichtigen Metropole, Mullah Rasaf und Mullah Kahed, seien geflohen, ein Sturm stehe in Kürze bevor. Dabei koordiniere sich die afghanische Anti-Taliban-Koalition mit US-Soldaten an der Front, sagte Dostum.

Andere afghanische Oppositionsvertreter sind weniger optimistisch. Nach ihren Angaben ist die Offensive zur Einnahme Masar-i-Sharifs festgefahren. Sie beklagen sich zudem über den geringen Erfolg der US-Luftschläge gegen das Taliban-Regime, die in die vierte Woche gehen. "Wir brauchen amerikanische Hilfe", erklärte ein Sprecher der Nordallianz nach Angaben der Nachrichtenagentur AP.

Möglicherweise US-Stützpunkt in Nordafghanistan

US-Beamte sagten der amerikanischen Tageszeitung "USA Today", es werde an einen Stützpunkt in Nord-Afghanistan mit 200 bis 300 Elitesoldaten und bis zu 600 Unterstützungstruppen gedacht. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür nicht. Der Bodenstützpunkt könnte eingerichtet werden, um bei der Einnahme der Stadt Masar-i-Scharif zu helfen. Von dem Vorposten aus könnten Hubschrauberangriffe gegen Taliban-Frontlinien geflogen und Bombardements durch Flugzeuge koordiniert werden.

Masar-i-Scharif ist seit 1997, als die Koranschüler die Truppen Dostums schlagen konnten, in der Hand der Taliban. Die Stadt ist ein zentraler Knotenpunkt für Versorgungslinien aus dem benachbarten Usbekistan in die afghanische Hauptstadt Kabul. Erst wenn Masar-i-Scharif fällt, ist der Weg frei für dringend benötigte Hilfslieferungen ins Zentrum Afghanistans.

Der 47-Jährige Dostum bestätigte die Präsenz amerikanischer Spezialeinheiten in Afghanistan: "US-Vertreter sind bei uns, ich habe Kontakt zu ihnen." Waffen habe er aber weder von den USA noch aus Russland bekommen: "Wir kämpfen nur mit den alten Waffen", sagt Dostum, der beklagt, vor allem auf Pferde und Kalaschnikows angewiesen zu sein. Alle russischen Panzer und Truppentransporter seien an General Mohammed Fahim, den Verteidigungsminister der Nordallianz, gegangen.

Allerdings sind Dostums Truppen, die er mit 15 000 Mann angibt, andere auf nur 8 000 schätzen, durch die Taliban von allen Verbindungslinien abgeschnitten. Seinen Stützpunkt in den Bergen von Kishendeh kann der General nur per Hubschrauber erreichen.

Der usbekisch stämmige General Dostum, der mit seinen Söldnertruppen auch für Morde und Plünderungen verantwortlich gemacht wird, sieht sich in der Zeit nach einem Sieg über die Taliban in der Regierung: "Ich bin Stellvertreter des international anerkannten Präsidenten der Islamischen Republik Afghanistan, Burhanuddin Rabbani."

Nach den Taliban soll eine Zentralregierung gebildet weden

Dostum will auch nach der Einnahme Masar-i-Scharifs weiter gegen die Taliban kämpfen. "Afghanistan ist eine Einheit und solange wir es nicht von Terroristen und internationalen Mördern befreit haben, kämpfen wir weiter", so Dostum. Nach einem Sieg über die Taliban werde eine alle Ethnien umfassende Zentralregierung gebildet, der er angehören wolle. Die Taliban hingegen sollten in einem Nachkriegs-Kabinett nicht vertreten sein: "Das sind Extremisten. Ich kenne keine gemäßigten Taliban, sie alle morden und brandschatzen ganze Dörfer und Städte." Wenn es allerdings einige Taliban-Kommandeure gebe, von denen das Volk sagt, sie seien nicht an Morden beteiligt gewesen, dann könne man diese in die Regierung nehmen.

Dostum, der zu Sowjetzeiten als Gewerkschaftsführer auf einem Gasfeld gearbeitet hat und bis zum Überlaufen zu den Mudschaheddin die afghanischen Kommunisten mit seiner damals 20 000 Mann starken Armee geschützt hatte, hat immer wieder die Fronten gewechselt: Nach den Kommunisten verriet er auch die Regierung Rabbani. Allerdings habe dieser ihn bei der Bildung einer Opposition gegen die Taliban wieder zu seinem Vize berufen. Erst im März war Dostum aus dem türkischen Exil zurück gekehrt.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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