Anderer Blickwinkel
Rollenspiele für Manager

Psychodrama ist kein TV-Genre, in dem seelische Konflikte die Handlung bestimmen, sondern eine Rollenspiel-Technik, die Management-Trainer immer häufiger einsetzen.

DÜSSELDORF. Als die Filialleiter des Bankhauses zusammenkamen, um die Vorjahres-Ergebnisse mit den Zielvorgaben zu vergleichen, konnte Jochen Berg* in fast allen Punkten überdurchschnittliche Ergebnisse vorweisen. Nur im Akquisitionsgeschäft lagen seine Zahlen erheblich unter denen seiner Kollegen. Das war schwer nachzuvollziehen: Berg galt als gute Führungskraft und wurde allgemein geschätzt.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, schlug der Leiter des Monitoring, ein in Psychodrama ausgebildeter Management-Trainer, ein Rollenspiel vor. Berg sollte ein für ihn typisches "Anlagenverkaufsgeschäft" nachspielen.

Berg stimmte zu: Er wählte Situation und Schauplatz und machte sich im Spiel auf den Weg zum Akquisitionsgespräch. Als Berg beim Kunden vor der Tür stand, zögerte er und wirkte sichtlich ängstlich und erschrocken - es kostete ihn große Überwindung zu klingeln. Nachfragen des Trainers zeigten: Berg kannte diese Erfahrung aus seinem früheren Leben: Als 15-Jähriger musste er sich eine eigene Wohnung suchen und war unzählige Male abgewiesen worden. Die Panik von damals, "die Tür vor der Nase zugeschlagen zu bekommen", hatte ihn seitdem nicht mehr verlassen.

Was hier die Ursache von Arbeitsangst offenlegte, ist im Management-Training bewährte Technik: Psychodrama - die methodische Re-Inszenierung von Verhalten - wird heute im Zusammenhang mit Coaching und Organisationsentwicklung eingesetzt. Der Gedanke: Handeln und Erleben zeigen mehr als das reine Gespräch. Rollenspiele sind dabei nur die Vorstufe: Psychodrama verdeutlicht Beziehungskonstellationen, bildet die Basis eines neuen Umgangsstils und hilft, das eigene Verhaltensrepertoire zu erweitern: Jochen Berg probte im erneuten Spiel, künftige Kundenbesuche gelassen anzugehen. Von da an brachte er sein Akquisitionsgeschäft sukzessive auf schwarze Zahlen.

Gewöhnlich befassen sich Psychodrama-kundige Mentoren nicht so ausgiebig mit der persönlichen Biographie. Manche Trainer raten sogar ganz davon ab. So behält sich Winfried Jancovius, Psychodrama-Ausbildungsleiter am Stuttgarter Moreno-Institut, für tiefschürfende Probleme explizit die Einzeltherapie vor. In seinen Augen ist die Gefahr zu groß, nach so einem Tiefgang nicht ausreichend Zeit für die Aufbauarbeit zu haben.

Alte Verhaltensmuster zu ändern muss nicht immer so dramatisch sein: Ildiko Mävers, Vorsitzende des Psychodrama-Instituts für Europa und seit 1985 Management-Trainerin für Konzerne wie Siemens und Exxon Mobil, trainiert Vertriebsleute, die ihre Kundenbeziehungen verbessern wollen. Ihre Lieblingstechnik ist der Rollentausch: "Ein Vertriebsmann, der im psychodramatischen Spiel in die Haut des Kunden geschlüpft ist, betrachtet diesen im täglichen Geschäft nicht mehr aus seiner eingefahrenen Verkäufer-Rolle, sondern kann durch die Augen des Kunden einen Perspektivwechsel vollziehen. Dieses Wissen ist nicht nur im beruflichen Alltag gewinnbringend."

Psychodrama hilft bei firmeninternen Konflikten

Auch bei firmeninternen Konflikten kann Psychodrama Strukturprobleme sichtbar machen. Bei einem süddeutschen Verlag hatte ein schneller Generationswechsel für Konflikte gesorgt. Statt des frischen Windes, den die neuen Mitarbeiter in das Unternehmen bringen sollten, gab es Krankmeldungen und Kündigungen. Trainer Klaus Brosius machte den Generationskonflikt als das größte Problem aus und arrangierte deshalb mit den Beteiligten ein lebendes Szenenbild: "Schatten der Ahnen". Für dieses Bild setzten sich die Neueinsteiger in die Mitte, die Alteingesessenen platzierte Brosius mit ausgebreiteten Armen um sie herum. Im Handumdrehen brachen sich die Gefühle Bahn: Laute Empörung über die Bevormundung auf der einen, großes Lamento über "gute alte Zeiten" auf der anderen Seite. Lohn der Übung: Nachdem der Dampf abgelassen war, konnte sich das Team auf einer ganz neuen Basis wieder zusammenfinden.

Techniken wie Psychodrama sind immer dann angesagt, wenn sich traditionelle Konstellationen auflösen und Mitarbeiter sich in neue Arbeitsbedingungen einfinden müssen. New Economy und Globalisierung beseitigen oft vertraute Rollenbilder. Der Münchner Trainer Helmut Beloch beobachtet das bei der Deutschen Telekom. "Von der Arbeitseinstellung her war die deutsche Telekom eine Behörde. Heute muss sie sich mit Firmen wie Viag Interkom vergleichen lassen." Folge: Anpassungsdruck bei den Mitarbeitern. Beloch setzt psychodramatische Rollenspiele auch als Diagnosemittel ein: "Gruppenspiele wie ?Wir spielen Betriebsausflug' eignen sich hervorragend, um festzustellen, welche Interaktion in einem Team möglich ist."

Die Beziehungsstrukturen am Arbeitsplatz rücken immer stärker ins Bewusstsein und damit auch die Nachfrage nach Psychodrama. Auch von Trainerseite. Beloch und seine Frau Sonja, seit mehreren Jahren Psychodrama-Ausbilderin, lehren deshalb gemeinsam - inzwischen auch in Osteuropa. Denn Rollenwechsel stehen dort erst recht auf der Tagesordnung.

*Name von der Redaktion geändert

Quelle: Handelsblatt

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