Andersen-Urteil
Analyse: Warnsignal für Bilanzfälscher

Das Urteil über das Unternehmen Arthur Andersen ist gesprochen. Der Wirtschaftsprüfer ist von den zwölf Geschworenen für schuldig befunden worden, die amerikanische Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) bei der Untersuchung des Enron-Skandals bewusst behindert zu haben.

Ein großer Sieg war es für die Staatsanwälte jedoch nicht. Der Schuldspruch und die Art, wie er zu Stande kam, zeigen vielmehr, auf welch dünnem Eis sich die Justizbehörden mit ihrer Anklage des gesamten Konzerns bewegt haben.

Die Jury wollte wegen unterschiedlicher Auffassungen bereits aufgeben und brauchte am Ende zehn Tage, um sich überhaupt einig zu werden. Der kurze Prozess, den anfangs viele erwartet hatten, entwickelte sich zu einer Hängepartie. Darüber hinaus sind die Geschworenen der Argumentation der Anklage in wichtigen Punkten nicht gefolgt. So spielte die Vernichtung Tausender Dokumente durch die Andersen-Mitarbeiter in Houston bei der Urteilsfindung nicht die entscheidende Rolle. Genauso wenig überzeugte der Kronzeuge der Anklage, Ex-Andersen-Partner David Duncan, die Jury. Und das, obwohl Duncan sich bereits vor dem Prozess im Sinne der Anklage schuldig bekannt hatte.

Die neun Männer und drei Frauen stützten ihr Urteil am Ende einzig und allein auf den erfolglosen Versuch der Andersen-Juristin Nancy Temple, ein Memorandum über den Klienten Enron vor den Ermittlern der SEC zu verbergen. Temple selbst hat die Aussage verweigert, um sich nicht zu belasten. Knapper kann ein Urteil kaum ausgehen.

Unterm Strich bleibt trotz dieser Makel der Schuldspruch für Andersen. Übersteht das Urteil die für Oktober angesetzte Berufung, wird kaum noch jemand über die Begleitumstände reden. Die Justizbehörden haben damit ihr erstes Etappenziel erreicht. Der Andersen-Prozess war nur das Vorspiel für die Aufklärung des viel größeren Enron-Skandals. Die Hintergründe der größten Pleite in der US-Geschichte und die Machenschaften der Enron-Manager sind von Anfang an das eigentliche Ziel der Staatsanwälte. Die Verurteilung von Arthur Andersen gibt ihnen jetzt dafür nicht nur freie Hand, sondern auch Rückenwind.

Die Tatsache, dass der Wirtschaftsprüfer verurteilt wurde, weil er etwas verbergen wollte, ist ein schwerer Schlag für die ehemaligen Manager des Energiekonzerns. Wird das doch in den kommenden Verfahren gegen das frühere Führungstrio Kenneth Lay, Jeffrey Skilling und Andrew Fastow als wichtiges Indiz dafür angesehen werden, dass bei Enron kriminelle Handlungen vertuscht werden sollten. Das Urteil ist insofern auch ein Warnsignal an die zahlreichen Bilanztrickser mit weißem Kragen in anderen US-Unternehmen.

Für Andersen spielt das alles keine Rolle mehr. Das Schicksal des Konzerns war im Grunde besiegelt, als die Staatsanwaltschaft im März Anklage gegen den gesamten Konzern erhob. Seitdem hat das Unternehmen mehr als 750 Kunden, seine internationale Präsenz und einen Großteil seiner Mitarbeiter verloren. Bis Ende August darf Andersen noch weiter die Bücher von Unternehmen prüfen, danach endet die Lizenz der SEC - und wohl auch die 89-jährige Geschichte des Traditionskonzerns.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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