Angeblich mehr als 1 200 erkrankte Soldaten
Bundeswehr droht Klagewelle wegen möglicher Asbestverseuchungen

Ebenso wie im Fall strahlenverseuchter Radartechniker könnte der Bundeswehr nun auch eine Klagewelle ehemaliger Soldaten wegen Asbestverseuchungen drohen.

afp BERLIN/HAMBURG. Inzwischen hätten sich 1 200 Menschen gemeldet, die nach eigenen Angaben durch den Einsatz von Asbest auf Schiffen der Bundesmarine und in Bundeswehr-Flugzeugen erkrankt seien, berichtete die "Bild"-Zeitung am Mittwoch. Das Verteidigungsministerium verwies auf einen Bericht des ehemaligen "Zeit"-Chefredakteurs Theo Sommer, in dem er der Bundeswehr vorbildliches Verhalten bei der Asbestsanierung attestierte. In dem Sommer-Bericht heißt es, derzeit würden rund 2 000 Bundeswehr-Beschäftigte, die in einem asbestgefährdeten Bereich tätig waren, betreut. Die Opposition warf Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) vor, seine Fürsorgepflicht zu vernachlässigen.

Laut "Bild" leiden die Opfer zum Teil an schwersten Lungenschäden. Diese seien womöglich durch Asbestpartikel verursacht worden, die in die Atemwege gelangt seien und dort unter anderem Krebs auslösen können. Mehrere Dutzend der Erkrankten seien inzwischen verstorben. Neben den laut "Bild" 1 200 Erkrankungen, die beim bundeswehreigenen "Organisationsdienst für nachgehende Untersuchungen" (ODIN) registriert sind, seien 900 weitere Meldungen bei der Marine in Kiel eingegangen. Bislang weigere sich die Bundeswehr weitgehend, Anträgen von Erkrankten oder Hinterbliebenen auf eine Entschädigung stattzugeben, berichtet das Blatt weiter.

Scharping sagte am Mittwoch in Berlin, er habe der Erklärung seines Ministeriums zu der Asbest-Problematik nichts hinzufügen. In der Erklärung wird betont, die Bundeswehr komme ihrer Fürsorgepflicht nach und habe daher den ODIN eingerichtet. Alle Angehörigen der Bundeswehr seien wiederholt darauf aufmerksam gemacht worden. Union und FDP forderten Scharping auf, die Öffentlichkeit über das Ausmaß der Erkrankungen zu informieren.

Kommission attestierte "professionelles" Handeln

Der Arbeitsstab unter Leitung des früheren "Zeit"-Chefredakteurs Sommer zu gesundheitlichen Risiken hatte der Bundeswehr im Juni bescheinigt, das Asbestproblem schnell und gründlich gelöst zu haben. Die Kommission attestierte der Bundeswehr "professionelles, verzugsloses und effektives" Handeln. Um die gesundheitlichen Gefahren durch den technischen Werkstoff zu beseitigen, habe die Bundeswehr gründlicher als die Zivilgesellschaft gehandelt, hatte Sommer betont.

Die von Scharping eingesetzte Sommer-Kommission hatte zudem Ende Juni nach sechsmonatiger Arbeit mitgeteilt, dass in Einzelfällen in den sechziger und siebziger Soldaten durch Röntgenstörstrahlung an Radargeräten gesundheitlich geschädigt wurden. Einige seien bereits verstorben. Bislang hätten 250 Soldaten Anträge auf Anerkennung gesundheitlicher Schäden gestellt. Scharping betonte am Mittwoch erneut, dass er eine "möglichst streitfreie und einvernehmliche Lösung" finden wolle. Die Anwälte der verstrahlten Bundeswehrsoldaten drohen damit, im Herbst Klage auf Zahlung von möglicherweise mehr als 120 Mill. Mark zu erheben, falls das Verteidigungsministerium Schadenersatz und Schmerzensgeld ausschließt.

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