Angeblich Risiko-Medizin nach Asien verkauft
Erneut Bayer-Medikament in den Schlagzeilen

Nach der Klagewelle im Zusammenhang mit dem zurückgerufenen Cholesterinsenker Lipobay sieht sich der Bayer-Konzern in den USA erneut dem Vorwurf ausgesetzt, wissentlich ein riskantes Medikament verkauft zu haben.

Reuters LEVERKUSEN/NEW YORK. Bayer wies die Vorwürfe am Donnerstag zurück, bestätigte aber, weltweit seien sieben Klagen wegen zum Teil mit dem HIV-Virus verseuchten Blutgerinnungspräparaten anhängig. Bayer wolle in allen Prozessen einen Vergleich erreichen, sagte Bayer-Sprecher Michael Diehl. "Die Risiken sind vollständig durch Versicherungen und Rückstellungen abgedeckt", fügte er hinzu.

Die "New York Times" hatte berichtet, die Bayer-Tochter Cutter Biological habe eine Version eines Blutgerinnungsmittels in Lateinamerika und Asien vertrieben, die ein hohes Risiko zur Übertragung des Aids-Virus barg, als bereits ein sichereres Mittel in den USA und in Europa verkauft wurde. Die Zeitung berief sich auf interne Memoranden, Mitschriften von Marketing-Treffen und Nachrichten an ausländische Vertreiber. Analysten sprachen von einem alten Hut. Die Börse reagierte gelassen. Die Bayer-Aktie lag am Nachmittag mit 16,92 ? leicht im Plus.

"Risiken waren nicht bekannt"

"Die Entscheidungen, die fast vor zwei Jahrzehnten getroffen wurden, basierten zu dem Zeitpunkt auf den besten verfügbaren wissenschaftlichen Informationen und stimmten mit den geltenden Auflagen überein," teilte Bayer mit. Bayer-Sprecher Diehl bestätigte unterdessen, dass der Konzern in Asien und Lateinamerika ein aus Blut gewonnenes Blutgerinnungsmittel verkauft habe, als es in den USA schon ein weiterentwickeltes, hitzebehandeltes Präparat gab.

Bayer habe aber zu jeder Zeit verantwortungsvoll gehandelt, betonte Diehl. Nach der Entdeckung des Aids-Virus sei Anfang der 80er Jahre ein neues Verfahren zur Herstellung des aus Blut gewonnenen Blutgerinnungspräparats "Faktor VIII" entwickelt worden. Erst im Juni 1985 habe es aber einen Test gegeben, der nachgewiesen habe, dass durch eine Hitze-Behandlung der Aids-Virus abgetötet werden könne. Von diesem Zeitpunkt an habe Bayer auch nur noch vorher erhitzte Präparate vertrieben, sagte Diehl. "Heute ist das risikofrei und wird gentechnisch hergestellt."

Das neue, sicherere Verfahren habe sich in den asiatischen Ländern und in Lateinamerika erst etablieren müssen, erläuterte Diehl. Zudem habe Bayer dort erst später die Zulassung für den mit dem neuen Verfahren hergestellten Blutgerinnungsfaktor erhalten.

Tausende Schadenersatzansprüche beigelegt

Der Großteil der bisher geltend gemachten Schadenersatzansprüche von HIV-infizierten Blutern, die ein verseuchtes Blutgerinnungspräparat genommen hatten, sei durch Vergleiche erledigt worden, hieß es bei Bayer. In den USA waren 1997 nach der Einrichtung eines Fonds durch mehrere Pharmafirmen für geschädigte Bluter Klagen von mehr als 6000 Geschädigten beigelegt worden. Insgesamt hatten die Firmen 600 Mill. $ gezahlt, der Anteil von Bayer betrug damals 290 Millionen. In einem Bericht für die amerikanische Börsenaufsicht im vergangenen Jahr erklärte Bayer, dass in drei Fällen Kläger im Zusammenhang mit HIV-verseuchten Bluterpräparaten erfolgreich gewesen seien. Die Jury habe in jedem der Fälle Schadenersatzzahlungen unter zwei Mill. Dollar zuerkannt.

Mehrere Analysten sahen für Bayer keine erneuten Risiken durch die Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Bluter-Präparat. "Das ist unserer Ansicht nach keine größere Sache für Bayer", sagte etwa Andreas Theisen von WestLB Panmure.Bayer habe offensichtlich nicht gegen geltendes Recht verstoßen. "Warum dies gerade jetzt nach zwanzig Jahren wieder aufgerollt wurde, erscheint zumindest seltsam", sagte Silke Stegemann von der Landesbank Rheinland-Pfalz unter Verweis darauf, dass Bayer bei der Lipobay-Problematik nun gerade wieder etwas besser dastehe. Stegemann wies zudem darauf hin, dass Anfang der achtziger Jahre das Ausmaß des Risikopotenzials bei den Blutpräparaten noch gar nicht bekannt gewesen sei.

Die Zahl der Lipobay-Klagen hatte Bayer zuletzt mit 8 800 angegeben, die Zahl der geschlossenen Vergleiche mit 785. In den ersten zwei Verfahren ist Bayer in den USA bislang in zwei Verfahren von jeglicher Haftung freigesprochen worden. Bayer hatte den Cholesterinsenker, mit dem insgesamt 100 Todesfälle in Verbindung gebracht werden, 2001 vom Markt genommen. Der Rückruf hatte im Pharmageschäft bei Bayer eine Krise ausgelöst. Die Suche nach einem Partner für die angeschlagene Pharmasparte gestaltet sich für Bayer schwierig.

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