Angehörige an Absturz-Stelle eingetroffen
Agentur: Kollisionswarnung durch Tupolew-Piloten

Zwei Tage nach der Flugzeugkatastrophe am Bodensee sind die Angehörigen der Todesopfer am Unglücksort eingetroffen. Die russische Nachrichtenagentur RIA meldete unterdessen, die Besatzung der russischen Tupolew habe der Flugsicherung kurz vor der Kollision mitgeteilt, dass sich ein weiteres Flugzeug in ihrer Flugbahn befinde.

Reuters ÜBERLINGEN. Zwei Tage nach der Flugzeugkatastrophe am Bodensee sind die Angehörigen der russischen Todesopfer am Unglücksort eingetroffen. Rund 140 Mütter und Väter der verunglückten Kinder landeten am Donnerstagmorgen auf dem Flughafen von Friedrichshafen und wurden zur Absturzstelle gebracht. Die meisten der Angehörigen, die von der Polizei abgeschirmt wurden, waren schwarz gekleidet. Einige trugen Kränze. Nach Angaben der Polizei wurden inzwischen die Leichen von 67 der 71 Opfer geborgen. Bei der Suche nach der Ursache für den Zusammenstoß der russischen Passagiermaschine mit einem Boeing-Frachtflugzeug wurden neue Vorwürfe gegen die Schweizer Flugüberwachung laut. Die russische Nachrichtenagentur RIA berichtete, die Besatzung der Tupolew habe die Schweizer Flugsicherung selbst auf die drohende Kollision aufmerksam gemacht.Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) und die EU-Kommission drängten auf einheitliche Regelungen zur Flugüberwachung in Europa.

Angehörige legten an Unglücksstelle Kränze nieder

Die Angehörigen wurden mit einer Tupolew der Bashkirian Airlines nach Friedrichshafen geflogen. Mit einem Flugzeug des gleichen Typs der Fluggesellschaft waren ihre Kinder auf dem Weg in einen Spanien-Urlaub verunglückt. In Friedrichshafen wurden sie von den Behörden mit Geistlichen der russisch-orthodoxen Kirche und Psychologen in einem Flugzeughangar in Empfang genommen. Die Polizei schirmte das Gebäude vor Journalisten weiträumig ab. Anschließend wurden sie mit Bussen zur Absturzstelle gebracht, wo sie bei den Überresten des Hecks der Tupolew Blumen und Kränze niederlegten. Auch ein Gedenkgottesdienst war geplant.

Polizei-Sprecher Harald Wanner sagte, es sei unwahrscheinlich, dass die Eltern ihre Kinder identifizieren müssten. Viele der Leichen seien in einem schrecklichen Zustand. "Manche der Opfer haben kein Gesicht mehr", sagte Wanner. Das Bundeskriminalamt hatte die Eltern gebeten, persönliche Gegenstände ihrer Kinder wie Hemden oder Kämme mitzubringen, um anhand einer DNA-Analyse die Identität der Opfer zu ermitteln.

Bei der Suche nach weiteren Opfern und der Bergung der Flugzeug-Überreste im weit läufigen Absturzgebiet waren am Donnerstag erneut mehrere hundert Polizisten und Hilfskräfte im Einsatz. In der Nacht zum Donnerstag hatten die Helfer nach Angaben der Polizei ein größeres Wrackteil der verunglückten russischen Tupolew-Passagiermaschine zerlegt und dort zahlreiche Leichen geborgen. Die Bergungskräfte hätten bei Scheinwerferlicht bis kurz nach Mitternacht gearbeitet.

Agentur: Russische Besatzung warnte vor Kollision

Die Nachrichtenagentur RIA meldete unter Berufung auf namentlich nicht genannte russische Ermittler in Deutschland, die Besatzung der russischen Passagiermaschine habe der Schweizer Flugsicherung eineinhalb Minuten vor der Kollision mitgeteilt, dass sich ein weiteres Flugzeug in ihrer Flugbahn befindet. Ausgemacht worden sei die Boeing 757 durch das elektronische Kollisions-Warnsystem an Bord der Tupolew.

Der RIA-Bericht wurde von anderen Ermittlern und der Schweizer Flugüberwachung zunächst nicht bestätigt. Nach bisherigen Angaben hatte der Skyguide-Lotse die Tupolew-Besatzung 50 Sekunden vor dem Zusammenstoß aufgefordert, die Flughöhe zu verringern. Ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums sagte, erste Ergebnisse von der Auswertung der Stimmrekorder und Flugschreiber seien in drei bis vier Tagen zu erwarten.

Skyguide hatte mitgeteilt, der russische Pilot habe auf die Aufforderung der Fluglotsen, der Boeing auszuweichen, zu spät reagiert, so dass es zu dem Zusammenstoß gekommen sei. Andere Flugexperten und Piloten hatten zuletzt gesagt, die Aufforderung zum Sinkflug sei mit 50 Sekunden vor dem Zusammenstoß recht spät gekommen.

Skyguide wies unterdessen den Vorwurf zurück, ihr nicht in allen Punkten den Euro-Standards entsprechendes Radarsystem komme als Ursache für die Kollision über dem Bodensee-Gebiet in Frage. Das Schweizer Büro für Flugunfalluntersuchungen (BFU) hatte kürzlich festgestellt, das Radarsystem der Schweizer Flugüberwachung entspreche nicht in allen Belangen den europäischen Standards. In dem seit Ende Juni im Internet einsehbaren Bericht heisst es etwa, es sei nicht ausgeschlossen, dass ein Fluglotse ein Flugzeug für eine Weile nicht auf seinem Radarschirm sehen könne. Empfohlen wird, dass die Radarbilder der Fluglotsen alle acht und nicht wie bisher alle zwölf Sekunden neu aufgebaut werden sollten. Die vom BFU auf Grund des Berichtes vorgeschlagenen Änderungen hätten bei dem Unglück am Montag keine Rolle gespielt, sagte Skyguide-Sprecher Felix Hitz.

Drängen auf einheitliche Flugüberwachung wird stärker

Verkehrsminister Bodewig forderte in der ARD, ein europäischer Luftraum mit einer gemeinsamen Überwachung solle bis Ende 2004 verwirklicht werden. Ein Sprecher von EU-Verkehrskommissarin Loyola de Palacio sagte, die EU-Kommission wolle das elektronische Kollisionswarnsystem verbindlich vorschreiben, das bei der Schweizer Flugüberwachung Skyguide zum Zeitpunkt der Kollision ausgeschaltet gewesen war.

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