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Angeklagter gesteht Gespräche zu Anschlag auf Jüdisches Zentrum

Im Münchner Terroristenprozess um den vereitelten Bombenanschlag auf das neue Jüdische Zentrum hat einer der vier angeklagten Neonazis ein Teilgeständnis abgelegt.

dpa MÜNCHEN. Im Münchner Terroristenprozess um den vereitelten Bombenanschlag auf das neue Jüdische Zentrum hat einer der vier angeklagten Neonazis ein Teilgeständnis abgelegt. Er habe zwei oder drei Mal mit dem Hauptbeschuldigten Martin Wiese über ein mögliches Attentat gesprochen, sagte der 28-Jährige beim Prozessauftakt.

Entgegen seinen Aussagen bei der Polizei bestritt er aber, dass es sich dabei um konkrete Pläne gehandelt habe. Die Bundesanwaltschaft wirft den vier Rechtsextremisten Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor. Der ebenfalls 28 Jahre alte Wiese gilt als Rädelsführer.

Der Führungszirkel der rechtsextremen "Kameradschaft Süd" mit Wiese als Kopf wollte laut Anklage am 9. November 2003 - dem Jahrestag der Pogromnacht von 1938 - bei der Grundsteinlegung für das Zentrum am Münchner Jakobsplatz eine Bombe zünden. Dabei habe der Führungszirkel, der sich "Schutzgruppe" nannte, die Tötung von Menschenleben in Kauf genommen, sagte Bundesanwalt Bernd Steudl bei der Verlesung der Anklage vor dem Bayerischen Obersten Landesgericht. An der Feier nahm auch der damalige Bundespräsident Johannes Rau teil.

Die Gruppe habe sich neben Waffen 1,2 Kilogramm hochexplosives TNT beschafft, sagte Bundesanwalt Steudl. Zudem habe sich Wiese eine Rohrbombenhülle mit einem Schlagzünder besorgt. Die Pläne flogen durch einen V-Mann des Verfassungsschutzes auf, die Tatverdächtigen wurden verhaftet. In dem Prozess unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen verweigerte Wiese die Aussage: "Ich äußere mich nicht." Neben dem aussagewilligen 28-Jährigen wollen auch die beiden anderen Mitangeklagten im Alter von 24 und 21 Jahren Stellung zu den Vorwürfen nehmen.

Der 28-Jährige bestritt, dass die "Kameradschaft Süd" einen politischen Umsturz in Deutschland mit gewaltsamen Mitteln angestrebt habe. "Zweck unserer Gruppierung war nicht, ein neues Drittes Reich - oder Viertes Reich, müsste man sagen - zu errichten", beteuerte der 28-Jährige. Allerdings habe man mit friedlichen Mitteln politische Veränderungen in Deutschland angestrebt. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Bernd von Heintschel-Heinegg, warum die Gruppe sich TNT besorgt habe, antwortete der 28-Jährige: "Ich weiß bis heute nicht, für was wir den Sprengstoff gebraucht hätten."

Die Grundsteinlegung sei für die Gruppe ein "ziemliches Reizthema" gewesen. Es sei schon besprochen worden, dass man da eine Handgranate reinwerfen oder Schweineblut verspritzen könnte, berichtete der 28- Jährige. Er und "die Kameraden" hätten damals viel geredet, aber das seien nur Gedankenspiele und keine Planungen gewesen. So habe man auch von einem "großbayerischen Imperium" geredet, aber das sei auch nicht ernst gemeint gewesen. Er bestätigte aber, dass Wiese einmal gesagt habe: "So ein Ding am Jakobsplatz wäre schon ein Riesenzeichen."

Wieses Verteidigerin Anja Seul forderte vor Prozessbeginn eine Klärung der Rolle des V-Mannes. Dieser sei für ihren Mandanten offenbar "Inspiration und zweites Gehirn zugleich" gewesen. Man müsse prüfen, was das für die Vorwürfe der Anklage bedeute. Sie gehe davon aus, dass man Wiese die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung nicht nachweisen könne. Auch ein anderer Verteidiger sagte am Rande des Verfahrens: "Der V-Mann war möglicherweise der Einzige, der kriminelle Ideen hatte." Der Prozess wird am 1. Dezember fortgesetzt.

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