Angela Merkel in Washington
Herzliches Willkommen für eine Oppositionsführerin

Ungewöhnlich ist der Empfang schon, der CDU-Chefin Angela Merkel in Washington zuteil wurde. Sie trifft sich mit den Großen der US-Politik und will für eine "Balance" in den internationalen Beziehungen sorgen.

HB/dpa WASHINGTON. Merkel rennt. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel ist auf ihrer USA-Reise in Washington immer in Eile. Am Dienstag wollte sie sich um 9.30 Uhr mit dem einflussreichen Senator John McCain treffen. Dann ein Vortrag an der Universität von Georgetown. Später noch weitere Gespräche.

Noch hektischer war es am Montag, als sie um 11.00 Uhr bei US-Vizepräsident Richard Cheney einen Termin hatte, eine Stunde später mit Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zu Mittag speiste, bevor die Sicherheitsberaterin von Präsident George W. Bush, Condoleezza Rice, sie dann um 13.15 Uhr im Weißen Haus erwartete.

Merkel meint, dass wegen der Irak-Krise für Deutschlands Zukunft Einiges auf dem Spiel steht. Die Nachrichten über den jüngsten Entwurf der USA zu einer Sicherheitsratsresolution und der Gegenentwurf aus französisch-deutsch-russischer Feder, die sie nebenbei zwischen Tür und Angel mitbekommt, bestätigen die CDU-Chefin. Deshalb möchte sie sich auch als Oppositionsführerin in der großen Weltpolitik ein wenig einbringen.

Merkel kam als eine zutiefst Überzeugte über den Atlantik. Eine, die sich absolut sicher ist, dass ihr amerikafreundlicher Kurs in der Irak-Frage richtig ist - und der von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) falsch. Sie setzt das Irak-Thema zwar auch innenpolitisch kühl kalkuliert ein, um die Union von Rot-Grün abzusetzen. Fast missonarisch kann sie werden, wenn sie die Argumente dafür aufzählt, die "Drohkulisse" gegen Saddam Hussein zu verstärken. Oder wenn sie die Überzeugung vertritt, dass Deutschland eine "Balance" zwischen den Beziehungen zu Frankreich und denen zu den USA halten muss.

"Frieden ist ein überragendes Gut, für den jede Anstrengung lohnt", gibt sie auch in Washington zu verstehen. "Aber wahr ist auch, dass verantwortungsvolle politische Führung in keinem Fall den geschützten Frieden der Zukunft gegen den trügerischen Frieden des Tages eintauschen darf". Sie traut dem Diktator Saddam Hussein genauso wenig über den Weg wie früher als Wissenschaftlerin in der DDR den SED-Herrschern. Sie sieht sich in ihrer Bedrohungsanalyse zum Irak der US-Regierung sehr nahe, viel näher als Schröder.

Aber die letzte Schärfe, wie weit sie den Amerikanern zu folgen bereit ist, vermeidet auch sie. Die CDU-Chefin versucht eine Gratwanderung. Sie will angesichts der Stimmung in Deutschland gegen das Vorgehen der USA im Irak-Konflikt den Eindruck gar nicht aufkommen lassen, als würde sie in Washington einen Schmusekurs gegenüber der Bush-Regierung fahren. Immer wieder sagt sie, es gehe um die eigenen Interessen Deutschlands.

In der Heimat hatte die Unionsfraktionschefin vor der Reise noch für Aufregung gesorgt, als sie in einem Artikel in der "Washington Post" ("Schröder spricht nicht für alle Deutschen") über das Ausland die Bundesregierung scharf angriff. Viele empfanden das als Tabubruch. In Washington schlüpfte Merkel mehr in die Rolle einer Botschafterin, obwohl sie sich auch dort den einen oder anderen Seitenhieb nicht verkneifen kann. "Hier geht es darum, Vertrauen zu schaffen", sagte sie schon, bevor sie überhaupt zu Cheney aufbrach.

Auf dem Capitol, beim republikanischen Senator Chuck Hagel, fügte Merkel später mit einer prägnanten Bemerkung hinzu, dass man in die angespannten Beziehungen zwischen Berlin und Washington kein neues Öl gießen dürfe ("No more oil in the fire"). Nach ihrem Gespräch mit Rice stellt sie dann fest, die Reise sei richtig gewesen: "Die vorhandene Sprachlosigkeit" sei "ein Gutteil überwunden worden". Ob sich dadurch die deutsch-amerikanischen Beziehungen verändert haben, bleibt aber offen.

Mit ihrer Irak-Position ist Merkel den Amerikanern inhaltlich fast auf einer Linie. Neu ist in ihrer Argumentation für einen Schulterschluss mit Washington aber der Hinweis, dass der irakische Diktator es nicht schaffen dürfe, "die demokratische Welt zu spalten". Die letzte Antwort zu Krieg und Frieden gibt sie nicht. Wie sie denn entscheiden würde, wenn auch eine weiter von der UN aufgebaute Drohkulisse den Irak nicht zur Abrüstung zwingen kann? "Dann sprechen wir weiter", sagt Merkel lediglich.

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