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Angemessen - Herrenkonfektion entdeckt den Maßanzug

Hamburg (dpa) - Man denkt sofort an «Raumschiff Enterprise». Die Maßkabinen einiger Herrenausstatter könnten der früheren Fernsehserie entstammen, in der die Besatzung von einer Plattform aus auf ferne Planeten «gebeamt» wurde. Stattdessen wird der Kunde digital vermessen: Ein Bodyscanner erfasst in wenigen Sekunden die Körperoberfläche, damit später der Anzug perfekt sitzt.

Hamburg (dpa) - Man denkt sofort an «Raumschiff Enterprise». Die Maßkabinen einiger Herrenausstatter könnten der früheren Fernsehserie entstammen, in der die Besatzung von einer Plattform aus auf ferne Planeten «gebeamt» wurde. Stattdessen wird der Kunde digital vermessen: Ein Bodyscanner erfasst in wenigen Sekunden die Körperoberfläche, damit später der Anzug perfekt sitzt.

Rund 100 000 Euro muss ein Einzelhändler investieren, wenn er etwa für die Anzüge der Marke Windsor einen «Scan Store» einrichtet. Doch gilt Maßkleidung zur Zeit als eines der raren Erfolgsthemen der Herrenkonfektion. Hier können noch Zuwächse erzielt werden - und das in verschiedenen Segmenten.

«Maßbekleidung ist heute demokratisiert», sagt Dietmar Theiler, Geschäftsführer der Windsor Damen- und Herrenbekleidung GmbH. Die einstige klare Trennung zwischen Konfektion und Maß sei heute aufgehoben. «Viele haben noch eine ganz andere Preisebene im Kopf», meint Theiler. Bei den Bielefeldern liegt der Einstiegspreis für einen Maßanzug bei knapp 700 Euro.

Obgleich die Technik die Daten gleich an die Fertigung weiterleitet, dauert es vier Wochen und 225 Arbeitsgänge, bis das Unikat geschneidert ist. Dennoch: Für den Kunden ist der Aufwand gering. Ist er einmal vermessen, braucht er künftig nur Stoff, Form und Details wie Knopfleisten anzugeben, um einen Anzug seiner Wahl zu erhalten. Und: Er weiß, dass auch der nächste Anzug wirklich passt. «Wenn Herren gute Erfahrungen gemacht haben, kommen sie wieder», sagt der Windsor-Chef.

Trotz der Anfangsinvestition liegen für den Händler die Vorteile auf der Hand. Statt fertige Teile einzukaufen, muss er nur Stoffmuster vorhalten. Das Risiko, die falsche Mode in der jeweiligen Saison geordert zu haben, entfällt. Und ein teures Lager braucht er auch nicht. Aber: «Maßkunden müssen erst einmal akquiriert werden», erläutert Theiler. Das Ganze sei ein «ganz persönliches und sensibles Geschäft». Firmen wie Windsor oder Odermark bieten ihren Kooperationspartnern im Handel regelmäßig Schulungen an.

Bei Windsor macht die Maßkonfektion mittlerweile 10 Prozent des Verkaufs in der Herrenkonfektion aus. Bei der Luxusmarke Ermenegildo Zegna entfallen sogar etwa 15 Prozent auf das so genannte «Schulterteilgeschäft». Jeder sechste verkaufte Anzug ist ein Maßanzug. «Maß hat sich in den vergangenen Jahren deutlich nach oben hin entwickelt», sagt Peter Mohrmann, Geschäftsführer von Zegna für Deutschland, Holland und Österreich.

Hier gibt es kein Bodyscanning, sondern zwei ausgebildete Schneider, die bei den verschiedenen Händlern an "Maßtagen" die Kunden vermessen. Für das italienische Unternehmen kommt ein Apparat anstelle des Schneiderauges nicht in Frage. Auch bei Brioni wird «von Hand» vermessen - in Mailand sogar mit direkter Fertigung vor Ort. Bei Zegna können die Preise zwischen 1100 und 2500 Euro liegen, je nach Stoff und Aufwand.

Doch auch bei den «vertikalen Anbietern» im niedrigen Preissegment ist Maß möglich. C&A unterhält in einigen Geschäften ein Atelier mit Bodyscanner. Die Preise liegen zwischen ca. 318 und 400 Euro pro Anzug. «Maßkonfektion macht uns Freude. Wir pflegen es intensiv», kommentiert Unternehmenssprecher Thorsten Rolfes. H&M hat keine Pläne, mit Maßanzügen zu arbeiten. «Wir haben aber», sagt Sprecher Mathias Geduhn «eine neue Herrenkollektion im Programm, bei der verstärkt auf Passform und Qualität geachtet wird».

Im Business-Anzug scheint Potenzial zu stecken. Immerhin erzielte er einer im Branchenblatt «Textilwirtschaft» veröffentlichten Repräsentativ-Umfrage zufolge 4,7 Prozent Zuwachs - mehr als andere Teile der Herrenkonfektion im zweiten Halbjahr 2003.

Dass Herren immer häufiger Maßbekleidung wählen, liegt nicht nur an der Passform. Sowohl Theiler als auch Mohrmann halten den individuellen Look, den der Kunde beim Maßanzug erhält, für entscheidend. Gerade im gehobenen Bereich scheint dem Thema eine große Zukunft sicher. Zumal die Discount-Märkte, die immer stärker Textilumsätze abschöpfen, Maßkleidung kaum «anfassen» werden.

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