Angriff auf Fifa mit Rückzugsdrohung - Niersbach: „Frage der Kompetenzen“
Beckenbauer warnt vor WM-Abzockerei

Einen Tag vor der Exekutiv-Sitzung der Fifa in Zürich hat Franz Beckenbauer den Fußball-Weltverband in ungewöhnlich scharfer Form angegriffen und mit seinem Rückzug als Chef des Organisationskomitees (OK) für die WM 2006 gedroht.

HB/dpa HAMBURG. "Das Hauptziel der Fifa besteht darin, Geld zu verdienen; alles andere ist sekundär", sagte der Präsident des FC Bayern München in einem Interview mit dem Magazin "Kicker" (Freitags-Ausgabe). Beckenbauer fürchtet, dass die Gäste der WM in drei Jahren abgezockt werden, und warnte deshalb: "Das lassen wir uns nicht gefallen, ich sowieso nicht. Dann höre ich lieber gleich auf. Das sage ich frisch- fromm-frei weg."

Beckenbauers Paukenschlag richtet sich vor allem gegen Bestrebungen des Weltverbandes, Hospitality- und VIP-Plätze für die WM-Spiele im Paket zu völlig überzogenen Preisen zu verkaufen. Von den insgesamt 3,2 Millionen zur Verfügung stehenden Eintrittskarten müssen nach einem Abkommen mit der Fifa bis zu 15 Prozent oder 480 000 für VIP's und deren Unterbringung abgegeben werden. Dabei würden "irrsinnige Summen" gehandelt, so Beckenbauer. "Wenn Du es auf jeden einzelnen umrechnest, kommst du auf Wahnsinns-Preise, die in Deutschland nie gezahlt werden. Falls doch, dann würden sie auf vollkommenes Unverständnis stoßen." In diesem Punkt werde es zu "großen Auseinandersetzungen" kommen.

Wolfgang Niersbach bestätigte am Freitag eine bevorstehende Kraftprobe mit dem Weltverband. "Es geht um ein Rollenspiel zwischen Fifa und OK. Es ist auch eine Frage der Kompetenzen", sagte der OK-Vize auf Anfrage.

Das OK sieht offenbar die Gefahr einer Bevormundung durch die Fifa. Den deutschen WM-Gastgebern war bei der Ticketpolitik zunächst freie Hand zugesagt worden. Nun hat das OK den Eindruck, dass der Weltverband nach dem Muster der Titelkämpfe 2002 in Japan und Südkorea die Preisgestaltung weitgehend selbst bestimmen will.

Laut Vereinbarung behält das OK die gesamten Einnahmen aus dem Kartenverkauf für sich, die Fifa macht das Geschäft mit den VIP's und will bei der Verteilung der Hotelkontingente wesentlich mitmischen.

Das OK hat für die WM-Zeit 35 000 Zimmer reserviert und geht davon aus, dass die Gestaltung des WM-Tourismus' ebenfalls in seiner Zuständigkeit liegen sollte. "Die Gesamtrichtung stimmt, doch nun müssen bestimmte Fragen geklärt werden", sagte Niersbach. So seien Beckenbauers Reaktion und auch der Zeitpunkt zu erklären. Das Organisationskomitee will die strittigen prinzipiellen Fragen mit der Fifa bis Juli geklärt haben.

"Wir nehmen natürlich nicht hin, dass auf unseren Schultern etwas ausgetragen wird, was wir dann nicht beeinflussen können", sagte Beckenbauer. Wie der OK-Chef sieht auch sein Vize Horst R. Schmidt einen erhöhten Finanzbedarf des Weltverbandes, den dieser vor allem durch die WM befriedigen will.

Schmidt wertete Beckenbauers Vorstoß als Appell an die Fifa, "Augenmaß zu bewahren. Es geht ihm um die gesamte Preisgestaltung". Für Beckenbauer kann die Lösung des Problems nur in einer engen Kooperation liegen. "Wir müssen vernünftig bleiben. Ich sage immer zur Fifa: Lasst uns Partner sein. Wir müssen Partner sein und diese WM gemeinsam ausrichten. Nur einer kann von diesem Turnier profitieren: Der Fußball", sagte der OK-Chef im "Kicker"-Interview weiter.

Bereits am (morgigen) Samstag befasst sich das Exekutiv-Komitee der Fifa mit dem Antrag des südamerikanischen Fußball-Verbandes (Conmebol), die Teilnehmerzahl bei der WM-Endrunde 2006 von 32 auf 36 aufzustocken.

Dies würde die Zahl der Vorrundenspiele in Deutschland von 64 auf 70 erhöhen und das Turnier um drei Tage verlängern. Die Fifa könnte durch die Ausweitung mehr (Fernseh-)Einnahmen erzielen, während die Erhöhung für das OK laut Schmidt ein Nullsummenspiel wäre. Den Vorstoß, der auch Europa zwei zusätzliche Startplätze einbringen würde, lehnt Beckenbauer ab. "Vom Sportlichen her wäre das eine Katastrophe. Man würde dann in einem Schlamassel stecken", betonte der 57-Jährige, der am Freitag in Zürich mit ehemaligen Fußball-Größen wie Michel Platini und Pele zusammentraf, die ebenfalls gegen eine Aufstockung sind.

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