Angriff auf Kabul angeblich jederzeit möglich
Nordallianz meldet weitere Erfolge gegen die Taliban

Bei ihrem Vormarsch im Norden Afghanistans hat die oppositionelle Nordallianz nach eigenen Angaben die Hauptstreitmacht der regierenden Taliban vernichtet und für Montag einen Angriff auf die Stadt Herat im Westen angekündigt.

Reuters KABUL. Der Außenminister der Nordallianz, Abdullah Abdullah, sagte der Nachrichtenagentur Reuters am Sonntag, die Nordallianz-Kämpfer hätten unter anderem die Provinz Tachar und deren Hauptstadt Talokan, sowie die Stadt Bamijan eingenommen. Eine unabhängige Bestätigung der Angaben war nicht möglich. Die Soldaten der Allianz standen nach eigenen Angaben auch vor der Hauptstadt Kabul. US-Präsident George W. Bush rief die Allianz auf, nicht in Kabul einzumarschieren. Die Allianz schloss dies nicht aus.

Der Zusammenbruch der Taliban-Verbände habe die Nordallianz-Kämpfer bis nach Herat vorrücken lassen, sagte Abdullah. Er sei überrascht, wie schnell die Allianz nach der Eroberung der Stadt Masar-i-Scharif am Freitag vorgerückt sei, sagte Abdullah. "Die Bedeutung der dramatischen Niederlage der Taliban ist nicht nur, dass sie große Gebiete, sondern auch ihre Hauptstreitmacht verloren haben". Etwa 15 000 Taliban-Kämpfer seien im Norden im Einsatz gewesen. Diese seien nun in der Provinz Kundus eingekesselt. Die Oppositionstruppen hielten inzwischen 50 % des Landes, sagte Abdullah. Vor Beginn der US-Luftangriffe waren etwa zehn Prozent unter ihrer Kontrolle.

Die Allianz eroberte nach eigenen Angaben am Wochenende insgesamt sechs Provinzen. Die Taliban erklärten dagegen, ihre Truppen seien aus strategischen Gründen aus drei Provinzen abgezogen worden. "Dies ist nichts, worüber man besorgt sein müsse", sagte ein Taliban-Sprecher. "Unsere Streitkräfte formieren sich neu und wir haben diese Gebiete entsprechend einer Strategie verlassen."

Die plötzlichen Geländegewinne der Nordallianz folgen auf seit Wochen anhaltende Luftangriffe der USA auf Stellungen und Einrichtungen der Taliban. Diese schützen den von den USA gesuchten moslemischen Extremisten Osama bin Laden und dessen Organisation El Kaida. Die USA halten Bin Laden und El Kaida für die Verantwortlichen der Anschläge vom 11. September. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte im Fernsehen, zwischen den Taliban und El Kaida gebe es inzwischen offenbar Streit darüber, wer das Kommando habe und wo Verstärkungen und Nachschub benötigt würden.

Im Nordosten Afghanistans kam eine französische Journalistin bei den Kämpfen ums Leben. Ein Sprecher von Radio France Internationale sagte, die 35-Jährige sei in einem Hinterhalt von von Taliban-Kämpfern getötet worden.

"Wir werden unsere Freunde auffordern, nach Süden vorzustoßen", sagte Bush. "Aber nicht in die Stadt Kabul selbst." Ein Berater des afghanischen Ex-Königs Mohammed Sahir Schah warnte die Nordallianz ebenfalls vor einem Einmarsch. Abdullah sagte, es wäre zwar besser, zunächst ein breites politisches Bündnis zu schmieden, bevor Kabul erobert werde. Falls dort jedoch ein politisches Vakuum entstehen sollte, sehe dies anders aus. In jedem Fall würde die Allianz zunächst die internationale Gemeinschaft konsultieren. In großen Teilen der Bevölkerung Kabuls sind die aus mehreren ethnischen Gruppen bestehenden Verbände der Nordallianz wegen der Bürgerkriegskämpfe Anfang der 90er Jahren verhasst.

Sechs Nachbarländer Afghanistans, die USA und Russland veröffentlichten am UNO-Hauptquartier in New York eine Erklärung, in der zu einer dringenden politischen Lösung für eine Nachfolge der Taliban aufgerufen wird. In einem Gespräch mit Bundesaußenminister Joschka Fischer in New York warnte nach deutschen Angaben der UNO-Koordinator für humanitäre Angelegenheiten, Kenzo Oshima, vor Gefahren für die Zivilbevölkerung. Oshima habe insbesondere die Befürchtung geäußert, dass es zu Gräueltaten kommen könne, sowohl von den Taliban als auch von Seiten der Nordallianz, hieß es in der deutschen Delegation.

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