Angriff auf Kabul jederzeit möglich - Einnahme weiterer Provinzen
Nordallianz weiter auf dem Vormarsch

Die Oppositionskräfte, die im Norden zuletzt nur noch etwa zehn Prozent des afghanischen Territoriums gehalten hatten, hätten demnach jetzt rund ein Viertel des Landes unter ihrer Kontrolle.

dpa ISLAMABAD/WASHINGTON. US-Präsident George W. Bush sprach sich gegen eine Einnahme Kabuls durch die Nordallianz aus, um die Hauptstadt für alle politischen Kräfte einer künftigen Regierung auf breiter Grundlage offen zu halten. US-Kampfflugzeuge flogen in der Nacht zum Sonntag erneut schwere Angriffe auf Stellungen der Taliban und Kabul geflogen.

Die radikal-islamischen Taliban bestätigten zunächst nur den Verlust von drei Provinzen. Die Einheiten hätten sich aus den Hauptstädten der nördlichen Provinzen Samangan, Jauzjan sowie Sar-i-Pul aus taktischen Gründen zurückgezogen, zitierte die afghanische Privatagentur AIP einen Taliban-Sprecher. Er betonte zugleich, dass sich die Taliban- Kämpfer in anderen Teilen der drei verlorenen Provinzen neu formierten.

Sprecher der Nordallianz teilten später mit, auch die im Umkreis von Masar-i-Scharif liegenden Nordprovinzen Tachar, Bamian, Badghis und Balch seien unter ihrer Kontrolle. Der afghanische Exil- Außenminister und Sprecher des oppositionellen Nordbündnisses, Abdullah Abdullah, sagte auf einer Pressekonferenz in Khoja Bahauddin (Nordafghanistan), die wichtige Provinzhauptstadt Talokan sei eingenommen worden. Unabhängige Quellen für das Kampfgeschehen gab es nicht.

Abdullah erklärte, dass moslemische Kämpfer aus dem benachbarten Usbekistan und der abtrünnigen russischen Republik Tschetschenien an der Seite der Taliban kämpften. Die Nordallianz habe bei den Gefechten "Dutzende von Taliban-Kämpfern gefangen genommen, die meisten von ihnen sind Ausländern". Abdullah appellierte an die Nachbarländer, nicht weiter in die Angelegenheiten Afghanistans einzugreifen. Er forderte eine eine "repräsentative Regierung in Afghanistan", in der alle ethnischen Gruppen des Landes vertreten sein sollten.

Nach Worten von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat die Nordallianz die "effektive Kontrolle" über Masar-i-Scharif erlangt. Es gebe noch Widerstandsnester, auch sei der Flughafen noch nicht vollständig gesichert. Das Einrücken der Nordallianz in die nordafghanische Stadt am Freitag wird als erster bedeutender Rückschlag für die Taliban nach Beginn der fünfwöchigen von den USA geführten Luftangriffe gesehen. Von Masar-i-Scharif werden die wichtigen Überland- und Versorgungsrouten zu Afghanistans Nachbarn Usbekistan und Tadschikistan kontrolliert.

Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon erklärte im BBC- Rundfunk, sein Land unterstütze den weiteren Vormarsch der Nordallianz auf Kabul, um Druck auf das Taliban-Regime auszuüben und bestätigte erstmals die Präsenz britischer Soldaten in Afghanistan. Der afghanische Exil-Außenminister Abdullah sagte, die Nordallianz habe keinen Plan zur Einnahme Kabuls.

Der internationale Terroristenführer Osama bin Laden erklärte in einem Interview der pakistanischen Zeitung "Ausaf" (Samstags-Ausgabe), er sei im Besitz nuklearer und chemischer Waffen. "Wenn Amerika chemische oder nukleare Waffen gegen uns einsetzt, könnten wir mit chemischen und nuklearen Waffen zurückschlagen", sagte Bin Laden.

Die USA nehmen nach einem Bericht der "New York Times" vom Sonntag an, dass seine Terrororganisation an einigen Stellen in Afghanistan chemische und biologische Waffen hergestellt haben könnte. Laut Einschätzung der britischen Regierung besitzt Bin Laden "Materialien, die zum Bau einer Nuklearwaffe beitragen könnten", derzeit aber nicht zu ihrer Herstellung in der Lage sei. Pakistans Staatspräsident Musharraf bezweifelte, dass Bin Laden über Nuklearwaffen verfügt, wohl aber chemische Waffen haben könnte.

Der pakistanische Journalist Hamid Mir hatte das "Ausaf"- Interview nach seinen Worten in einem Versteck Bin Ladens geführt, zu dem er mit verbundenen Augen während einer mehrstündigen Autofahrt gebracht worden sei. Es sei dort äußerst kalt gewesen, man habe den Lärm von Luftabwehrgeschützen hören können, berichtete Mir. Nach längerer Wartezeit sei Bin Laden mit einem Dutzend seiner Leibwächter eingetroffen und habe dann Fragen beantwortet. In der Begleitung Bin Ladens sei auch Dr. Ayman Al-Zuwahiri, sein ägyptischer Stellvertreter, gewesen.

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