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Angst im Silicon Valley

Die New Economy steht auf der Kippe. Sie muss sozial und politisch besser eingebettet werden in die Gesellschaft. Und das muss sie erreichen mit immer weniger Kapital.

Das ging ziemlich daneben. Eigentlich sollte es eine Nachlese zur Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten und deren Auswirkungen auf die New Economy werden. Doch als sich am Montag die Boardmitglieder der New America Foundation (www.newamerica.net) im kalifornischen Santa Clara im 3Com-Campus zusammenfanden, war das aus sattsam bekannten Gründen kaum möglich. Die High-Tech-Nation befand sich noch immer im Stadium der manuellen Stimmzettelauswertung.

Doch letztlich war das auch egal. Denn Probleme, die es zu erörtern gibt, gibt es auch ohne die Präsidentenwahl genug. Genau genommen sind sie sogar völlig losgelöst vom jeweiligen Präsidenten. Und das macht zunehmend Angst im Silicon Valley. Denn die New Economy steht auf der Kippe. Sie muss sozial und politisch besser eingebettet werden in die Gesellschaft. Und das muss sie erreichen mit immer weniger Kapital.

Die New America Foundation, von der Washington Post überschwenglich als "Think Tank der Generation X" gefeiert, versteht sich als überparteiliche Denkwerkstatt, die die klassische Wagenburgmentalität in der amerikanischen Politik nicht hinnehmen will. Statt in demokratisch oder republikanisch wollen die New Americaner übergreifend denken. Nur das Ergebnis zählt, nicht das Parteibuch.

Frische Ideen wollen die jungen Wilden aus dem Silicon Valley in die verkrustete Washingtoner Politszene bringen. Mit an Bord sind unter anderem Eric Benhamou, Chairman von 3Com, Laura D?Andrea Tyson, frühere Beraterin der Clinton-Administration im Weißen Haus oder Eric Schmidt, CEO des Netzwerkspezialisten Novell.

Tatsächlich gelang es zumindest am Montag, den Technologieaspekt erfreulich im Hintergrund zu halten. Statt dessen ging es viel um gesellschaftliche Belange. Amerikas New Economy braucht einen neuen Sozialvertrag, lautete eine der Thesen.

Das ist an sich nicht neu und wird in Wahlkampfzeiten immer mal wieder gerne thematisiert: Millionen Amerikaner leben ohne Krankenversicherung oder schaffen es nicht, eine angemessene Altersvorsorge aufzubauen. Und wenn sie abgesichert sind, dann über eine Arbeitgeber orientiertes System. Wer seinen Arbeitsplatz verliert, verliert auch den Krankenschutz. Wer den Job wechselt, muss Versicherungen und Ärzte gleich mit wechseln. Doch bislang überwiegt die Meinung, das sei halt eine negative Ausprägung des "American Dream", damit müsse man halt leben. Grundlegende Reformen werden immer nur diskutiert.

Die New Economy könnte der alten US-Sozialromantik aus der New-Deal-Zeit mit der Anlehung an den Darwinismus nun endgültig den Garaus machen. Die mittlere Beschäftigungszeit eines Angestellten bei einer Firma in Kaliforniens New Economy liegt bereits bei weniger als drei Jahren, weiß Venture Capitalist und NAF-President Ted Halsteadt und fordert deshalb ein personenbezogenes Sozialsystem. Es gilt, eine riesige permanent floatende Masse von Arbeitnehmern sozial adäquat abzusischern, ohne bürokratische Dauerläufe und ständige Sollbruchstellen in der Versicherungshistorie. Wer den Arbeitnehmer wechselt, nimmt seine Krankenversicherung einfach mit, egal, ob zu einem Ganz- oder Halbtagsjobs. Das ist sicher, motiviert zu mehr Flexibilität und klingt revolutionär einfach - jedenfalls für amerikanische Verhältnisse.

Wer sich in Europa umschaut, speziell auch in Deutschland, sieht solch revolutionäre Ideen längst verwirklicht. Eine personenbezogene Kranken- oder Altersversorgung ist Standard. Das lässt zwei Schlüsse zu. Erstens: Es ist wahlich nicht alles so schlecht, was aus Europa kommt. Mit etwas gutem Willem läßt sich auch unser Sozialsystem reformieren und zukunftsfähig machen. Das Grundmodell stimmt jedenfalls.

Und zweitens: Obwohl wir eine sozial weitgehende und personenbezogene Absicherung haben, ist die Dynamik, die Wechsel- und Risikobereitschaft bei deutschen Arbeitnehmern noch ungleich geringer als in den USA. Warum, wo liegen die Gründe? Wie wird das erst werden, wenn die Amerikaner auch ein solches System haben? Darüber sollte man mal nachdenken.

Zeit genug bleibt. Noch ist das alles nur ein Denkmodell. Und solange sich in den USA Republikaner und Demokraten in alt bewährter Manie gegenüber stehen, wird es wohl auch bei halbherzigen Reformversuchen bleiben. Und neuen Versprechungen bei den nächsten Wahlen. Handverlesen.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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