Angst macht Fehler
Psychologen in der Bundesliga nicht gefragt

Die Angst spielt mit und lähmt die Beine. Im Kampf um die Meisterschaft und gegen den Abstieg zeigen sich immer mehr Profis aus der Fußball-Bundesliga dem Stress und Druck kaum noch gewachsen.

dpa HAMBURG. Die Folgen sind unerklärliche Fehler wie am vergangenen Wochenende von Nürnbergs Torhüter Dariusz Kampa oder des Kölners Marc Zellweger, Pleiten wie das 0:6 des Hamburger SV in Berlin und überzogene Kritik an Schiedsrichter-Entscheidungen. In Dortmund trafen gleich zwei Spieler ins eigene Tor. Psychologen sind dennoch in der Bundesliga nicht gefragt.

"Wenn wir nur ein bisschen vom Kurs abkommen, bricht hier eine Welt zusammen", glaubt Trainer Matthias Sammer von Titelaspirant Borussia Dortmund, der erst am Samstag mit dem Sieg gegen Borussia Mönchengladbach eine Schwächephase überstand. Auch Sammers Verteidiger Christian Wörns weiß: "Die Nerven entscheiden. Jetzt darf sich keiner mehr einen Ausrutscher leisten." "Der Druck, gewinnen zu müssen, führt zu Angst vor Fehlern", erklärt Professor Henning Allmer vom Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln. "Und Angst vor Fehlern führt zu neuen Fehlern." Die Spieler seien nicht mehr frei im Kopf. "Man beschäftigt sich mit Dingen, die mit der eigentlichen Aufgabe nichts zu tun haben." Folge: Die Steuerung der Bewegung werde beeinträchtigt.

Allmer, der auch die angehenden Fußball-Lehrer im Fach Psychologie unterrichtet, rät den Trainern, Stresssituationen in den Übungseinheiten nachzustellen. "Der Wettkampf mit dem Stress und Zeitdruck muss im Training simuliert werden, damit sich die Spieler daran gewöhnen können." Die Profis müssten lernen, negative Gedanken auszugrenzen, um sich wieder auf ihre eigentliche Aufgabe zu konzentrieren.

Doch während in anderen Sportarten wie Skispringen, Eishockey, Formel 1 oder Ski alpin die Arbeit mit Mentaltrainern längst üblich ist, werden im Fußball-Geschäft die Psychologen noch immer belächelt. Kaum ein Bundesliga-Trainer lässt einen "Seelendoktor" an seine Spieler heran und setzt auf seine eigenen psychologischen Fähigkeiten. "Dabei sind viele Spieler der Komplexität der Situation ohne die kompetente Unterstützung eines Psychologen nicht mehr gewachsen", sagt Allmer. Maßnahmen wie die von Hansa Rostocks Trainer Armin Veh sind die Ausnahme: Er hatte am Abend vor dem Spiel am Samstag gegen den 1. FC Kaiserslautern (2:1) einen Mentaltrainer eine Stunde lang mit seinen Spieler arbeiten lassen.

Die Entscheidung über Titel und Abstieg fällt im Kopf. "Die Mannschaft wird Meister, die am besten mit Stress umgehen kann und bis zur letzten Minute an sich glaubt", sagt Allmer. Bestes Beispiel ist der FC Bayern: Am letzten Spieltag der vergangenen Saison holten die Münchner in letzter Sekunde noch den Titel. Und auch am vergangenen Samstag schafften sie kurz vor dem Anpfiff wieder einmal den Sieg gegen den TSV 1860 München. Allmer: "Sie wollen eine Situation nicht wahrhaben und spielen bis zum Ende um ein besseres Ergebnis. Mit Bayern-Dusel hat das nichts zu tun."

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